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Auf den Spuren des unbekannten Großvaters

Bild zeigt: Nahannee-Fé Gillet bei der Suche nach Unterlagen über ihren Großvater
Nahannee-Fé Gillet aus Kanada hat sich im Sommer 2012 auf die Reise gemacht, um ihre Wurzeln zu suchen.

Nahannee-Fé Gillet aus Kanada hat sich im Sommer 2012 auf die Reise gemacht, um ihren Wurzeln nachzugehen. Ihr niederländischer Großvater Gerrit Schuitemaker wurde wegen „Arbeitsverweigerung“ von den Nationalsozialisten verfolgt und starb im KZ Neuengamme. Ende Juli 2012 traf sie Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung und Bildung beim International Tracing Service (ITS) und Dr. Reimer Möller, Archivar der Gedenkstätte Neuengamme, von denen sie weitere Informationen über das Schicksal ihres Großvaters erhielt. „Ich möchte jeden Mosaikstein finden, um dieses Leben zusammenzusetzen, denn er ist Teil meiner Familie und meines Erbes.“

Gillets Großvater wurde am 29. August 1944 verhaftet und im Polizeilichen Durchgangslager Amersfoort inhaftiert. Zu diesem Zeitpunkt lebte Gerrit mit seiner schwangeren Frau Anna und zwei Kindern in Haarlemmermeer. Wenige Tage später wurde er in das KZ Neuengamme deportiert. „Wo er genau untergebracht und in welchem Arbeitskommando er arbeiten musste, lässt sich auf Grund der fehlenden Dokumente nicht mehr sagen“, so Möller. „Eines aber ist sicher, am 14. Februar 1945 starb Gerrit an ‚chronischer Enterocolitis‘, eine zynische Beschönigung für ‚dauerhafte Mangelernährung‘.“

Möller und Urban begleiteten die 24-Jährige während eines Rundgangs durch die Ausstellungen und über das Gelände der Gedenkstätte. Möller erläuterte die Geschichte des KZ Neuengamme, die einzelnen Phasen, die ein Häftling durchlaufen musste, die Verwaltungsmaschinerie, die Sklavenarbeit in der Ziegelei und in anderen Kommandos. Zuletzt besuchten sie den Standort des Krematoriums, die Stele, an der die Asche abgeladen wurde und den Gedenkraum, in dem auf Stofffahnen an die Opfer erinnert wird. „Als ich mein Zuhause in Kanada verließ, kam ich diesem Ort immer näher. Heute Morgen zitterte ich, und es kostete mich Überwindung, durch das Tor zu gehen, das den einstigen Eingang ins KZ markiert“, beschreibt Gillet ihre Gefühle. „Hier ist unter jedem Ziegel und in jedem Gebäude so viel Geschichte, sie ist wortwörtlich unter deinen Füßen, wenn du über das Gelände gehst.“

Die genaue Geschichte ihres Großvaters, den sie nie kennen lernen durfte, erfuhr sie erst als ihr Vater sehr krank wurde. „Ab da verstand ich auch, weshalb mein Vater sich an meinem Geburtstag immer zurückgezogen hat“, erzählt Gillet. „Es war der Todestag meines Großvaters.“ Den Anstoß für die diesjährige Reise nach Deutschland gab ein Treffen mit Urban während einer Konferenz in Vancouver im März 2011. Ihr erzählte sie vom Schicksal ihres Großvaters. Aus dem Archiv des ITS erhielt die Kanadierin Dokumente. „Es brauchte ein wenig Zeit, um in mir zu wirken. Mein Großvater erschien mir immer so fern. Er war viele Jahre eine abstrakte Figur in meiner Familie.“

Die Kanadierin trägt eine besondere familiäre Situation mit sich, denn ihre Mutter gehört dem Stamm der Mohawk an und damit den kanadischen First Nations. Die Politik Kanadas gegenüber diesen ersten Bewohnern war von einer brutalen Unterdrückung der Kultur und Lebensweise geprägt. „Ich habe es mit zwei historischen Päckchen zu tun, die ich tragen muss und will“, resümiert Gillet. „Ich identifiziere mich stark mit meinem indigenen Hintergrund und Erbe. Das bedeutet, dass ich Teil jener bin, die brutal kolonisiert wurden. Das Land meines Vaters, die Niederlande, war Kolonialmacht. Zugleich weigerte sich mein Großvater unter der deutschen Besetzung mitzumachen. Dafür zahlte er den höchsten Preis.“