a A

Auf der Suche nach dem Grab des Bruders

Bild zeigt: Gavrielys Eltern vor dem Grabstein ihres Sohnes im Jahr 1948
Der International Tracing Service hat Ahuva Gaviely aus Israel bei ihrer Suche nach dem Grab ihres Bruders geholfen.

Vor ihrer Rückreise nach Israel ist Ahuva Gavriely von Frankfurt am Main aus noch zu einem Abstecher nach Bad Arolsen gekommen – um persönlich danke zu sagen. Der International Tracing Service (ITS) hat ihr bei der Suche nach dem Grab ihres Bruders geholfen. „Fünf Tage hat es gedauert. Unfassbar“, freut sich die 58-Jährige. „Sie machen einen großartigen Job.“

Alles, was Gavriely hatte, war ein Foto ihrer Eltern vor einem Grabstein und den Namen eines Ortes: Bad Windsheim. Dort war die polnisch-jüdische Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Camp für Displaced Persons untergekommen. Den Holocaust hatten Gavrielys Eltern, Barbara und Moshe Henig, dank der rechtzeitigen Flucht vor den deutschen Truppen, in Russland überlebt. 1943 war der erste Sohn Aba auf die Welt gekommen, 1948 folgte im DP Camp der zweite Sohn Jakov. Doch er lebte nur drei Monate, bevor er an einer Darminfektion verstarb.

„Ich bin für einige Tage in Deutschland und möchte sein Grab finden“, sagte Gavriely am Telefon zu den Mitarbeitern des ITS. Doch Bad Windsheim hat keinen jüdischen Friedhof und kaum jemand vor Ort erinnert sich noch an das einstige Camp der Überlebenden. Ein schier aussichtsloses Unterfangen in der Kürze der Zeit.

Die Grundlage für die Suche waren alle Unterlagen aus dem Archiv zur Familie Henig, insbesondere die damaligen Dokumente aus Bad Windsheim. Dann stellte der ITS den Kontakt zum Standesamt der Gemeinde her, telefonierte mit Experten vor Ort und sandte Gavriely eine Liste von jüdischen Friedhöfen in der Umgebung. Im Standesamt von Bad Windsheim gab es schließlich den ersten Fund. „Ich bekam eine Geburtsurkunde von meinem Bruder“, berichtet Gavriely. „Die Mitarbeiterin konnte mir auch sagen, in welchem Krankenhaus er damals war. Heute ist in dem Gebäude ein Altersheim.“

Doch offen blieb die Frage nach dem Grab. Gavriely ging die Liste der Friedhöfe durch, sprach mit den Fachleuten in den umliegenden Gemeinden und so landete sie letztlich im Stadtarchiv von Fürth. Ihr Bruder war in das städtische Krankenhaus von Fürth verlegt worden und dort auch gestorben. Im Stadtarchiv erhielt sie die Sterbeurkunde. Die örtliche jüdische Gemeinde konnte ihr den Lageplan des Friedhofs überreichen, der bis heute genutzt wird. „Und so stand ich da. Nach 65 Jahren habe ich den Grabstein das erste Mal gereinigt“, sagt Gavriely.

Die Umgebung habe sich ein wenig verändert, berichtet sie beim Vergleich der Fotos von 1948 und heute. Doch der Grabstein sei immer noch gut lesbar. Sie rief ihren Bruder in Israel an. „Setz’ dich bitte hin“, sagte Gavriely. „Ich möchte nicht, dass du in Ohnmacht fällst. Ich habe das Grab gefunden.“ Sie selbst hat ihren früh verstorbenen Bruder nie kennen gelernt. Sie kam erst 1955 in Israel zur Welt.

„Ich habe es für meinen älteren Bruder getan“, erklärt Gavriely bescheiden und möchte auch auf keinem Foto erscheinen. Ihr Bruder selbst habe nicht kommen können. „Das wäre viel zu emotional und anstrengend für ihn. So ist es besser.“ Viel hätten die beiden Kinder nicht von ihren inzwischen verstorbenen Eltern über die Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung erfahren. „Sie haben nicht gesprochen, wollten sich ein neues Leben aufbauen.“

Auch ihr älterer Bruder Aba habe den Tod des kleinen Bruders verdrängt. „In Israel gab es viele Kriege. Wir mussten immer mit Verlusten umgehen.“ Dennoch hat sie sich jetzt auf die Reise begeben, nachdem sie erst vor kurzem nie gekannte Verwandte in Kanada ausfindig machen konnte. „Ich habe meinem Bruder gesagt, ich werde es versuchen, so viel wie möglich herauszufinden. Ich kann nichts versprechen, aber wenn ich mir etwas vornehme...“