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Auf der Suche nach dem Vater

Bild zeigt: Wolfgang Bewarder und seine Frau bei Ihrem Besuch
Wolfgang Bewarder suchte nach seinen Wurzeln und der ITS konnte den Kontakt zu einem Halbbruder in Polen herstellen.

Er ist das Kind einer verbotenen Liebe zwischen einer Deutschen und einem polnischen Zwangsarbeiter. Im Alter von zwölf Jahren hatte Wolfgang Bewarder zum ersten Mal von seinem leiblichen Vater erfahren. Weitere 52 Jahre dauerte es, bis er den Schritt wagte, sich auf die Suche nach den eigenen Wurzeln zu begeben. Sein Vater ist bereits 1975 verstorben. Doch der International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen konnte den Kontakt zu einem Halbbruder in Polen herstellen. „Für mich ist es überwältigend und zugleich weit weg“, beschreibt Bewarder seine Gefühle bei einem Besuch des ITS Ende Februar 2012. „Ich kann es noch nicht begreifen.“

Erst als er im Alter zur Ruhe gekommen ist, hat sich Wolfgang Bewarder mit seiner Kindheit auseinandergesetzt. „Ich habe irgendwann den Mädchennamen meiner Mutter bekommen. Warum, wusste ich damals jedoch nicht“, erzählt er. Der Vater, der auf der Geburtsurkunde eingetragen war, war im Krieg gefallen. Alles Ungereimtheiten, die sich Bewarder nicht erklären konnte. „Meine größte Sorge war in all den Jahren, dass mein Vater ein Ortsansässiger war.“ Da rührst du nicht dran rum, dachte sich Bewarder. Wer weiß, was dabei raus kommt.

Seine ältere Schwester kam schon früh auf die Idee, Wolfgangs Vater könnte der polnische Zwangsarbeiter Pesta sein, der auf dem Hof der Mutter gearbeitet hatte. Doch Wolfgang verdrängte dies zunächst. „Eine Familienfeier vor einigen Jahren war dann der Anstoß für mich und meine Frau, dieses Kapitel meines Lebens aufzuarbeiten“, erinnert sich Bewarder. Recherchen im Internet und ein Hinweis der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Bad Segeberg führten ihn zum ITS.

Aus den Unterlagen des ITS über Stanislaw Pesta geht hervor, dass dieser bei verschiedenen Arbeitgebern im Kreis Bad Segeberg als Zwangsarbeiter war, darunter auch auf dem Hof von Hans Huckfeldt in Borstel - Bewarders Familie. Auf einer Registrierungskarte vom 5. September 1945 gibt Pesta an, in seinen Geburts- beziehungsweise Heimatort zurückkehren zu wollen. Diesen letzten Hinweis von Pesta nahm das Team des Suchdienstes vom ITS auf, um Nachforschungen beim polnischen Roten Kreuz einzuleiten. Ein Halbbruder konnte in Warschau ausfindig gemacht werden.

„Den Brief vom ITS mit den Informationen zu meinem Vater und meinem Halbbruder habe ich erst nicht wahrgenommen“, erzählt der Hannoveraner. „Als dann ein Einschreiben aus Polen von meiner Nichte kam, wurde mir bewusst‚ dass da was am Laufen ist.“ Inzwischen besuchen und schreiben sich die beiden Familien regelmäßig. „Ich habe eine Familie dazugewonnen, auch wenn sie über meinen Vater nicht viel erzählen konnte. Er hat daheim in Polen nicht über die Zeit in Deutschland gesprochen“, so Bewarder. Das Haus seines Vaters sei damals abgebrannt, so dass es kaum Erinnerungsstücke gibt. „Ein Foto habe ich nicht.“ Es sei wichtig, dass auch anderen Menschen so weitergeholfen werde wie ihm, betont Bewarder. „Im Archiv des ITS ruhen so viele Schicksale, die aufgearbeitet gehören.“