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„Beim ITS las ich zum ersten Mal den Namen meines Vaters“

Bild zeigt: BettyAnn Prewitt die Unterlagen aus den Beständen des ITS gezeigt bekommt
BettyAnn Prewitt kann sich ihre Kinderakte von damals ansehen

BettyAnn Prewitt wurde am 23. September 1948 als Josefa Jakowlewa in Wiesbaden geboren. Sie war die Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin, die damals als Displaced Person in Deutschland lebte und ihr Kind zur Adoption freigeben musste. Das amerikanische Ehepaar Winford und Eddie Kincaid nahmen das kleine Mädchen auf. Unter dem Namen BettyAnn emigrierte sie mit ihrer neuen Familie in die USA. Beim International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen hat sie heute ihre Kinderakte von damals eingesehen.

„Schon sehr früh erzählten mir meine Adoptiveltern, dass sie mich in Deutschland nach dem Krieg adoptiert hatten“, erzählt BettyAnn. „Doch erst als ich mit 30 Jahren meine Geburtsurkunde für meine Ausbildung als Krankenschwester brauchte, erfuhr ich den Namen meiner leiblichen Mutter. Der Name des Vaters war nicht eingetragen.“ Da sie eine gute und liebevolle Kindheit bei ihren Adoptiveltern hatte, kam sie der Bitte nach, ihre leibliche Mutter, Maria Wladislawskaja, nicht zu suchen. „Selbst als ich zwölf Jahre in Deutschland gelebt habe, bin ich nicht auf Idee gekommen, Nachforschungen zu unternehmen.“

Wladislawskaja wurde 1942 gemeinsam mit ihrer Mutter von den Nationalsozialisten nach Frankfurt/Main zur Zwangsarbeit verschleppt. Dort lernte sie Peter Jakowlew kennen, den sie im Februar 1944 heiratete und mit dem sie 1945 den gemeinsamen Sohn Georg bekam. Doch er und Marias Mutter starben noch im selben Jahr, und so musste die junge Frau allein für den kleinen Georg sorgen. Sie arbeitete im Air-Force-Camp Linsee in der Nähe von Wiesbaden, wo sie eine Verbindung mit dem Amerikaner Joseph Hendrzak einging, dem leiblichen Vater von BettyAnn. „In den Akten beim ITS las ich jetzt zum ersten Mal den Namen meines Vaters“, freut sich BettyAnn. „Er hat die Vaterschaft anerkannt und versprach meiner Mutter, sich für eine Heirat mit ihr scheiden zu lassen. Doch seit seiner Rückkehr in die Staaten am 3. Juni 1949 hörte sie nichts mehr von ihm.“

Die verwitwete und verlassene Maria entschied sich, Josefa zur Adoption frei zu geben. In einem Brief, der sich in der Kinderakte des ITS befindet, schrieb sie damals: „Nach einer ernsten Überlegung bin ich fest entschlossen, meine Tochter Josefa für eine bessere und sichere Zukunft adoptieren zu lassen.“ Für BettyAnn ist das der Beweis, dass sie von ihrer leiblichen Mutter geliebt wurde. „Dieser Brief bedeutet mir sehr viel“, beschreibt sie ihre Gefühle während des Besuchs beim ITS. Das kinderlose Ehepaar Kincaid aus Texas/USA adoptierte Josefa am 3. Oktober 1949. Winford Kincaid war als Offizier der Air-Force in Frankfurt/Main stationiert.

„Als ich erstmals den Namen meiner Mutter erfuhr, war ich schon sehr bewegt“, erinnert sich BettyAnn. „Dass ich eines Tages nach ihr suchen werde, hatte ich all die Jahre im Hinterkopf. Doch mit so vielen Dokumenten hatte ich nicht gerechnet.“ Im Archiv des ITS findet sich ein Hinweis, dass auch Maria mit ihrem Sohn Georg in die USA emigrieren wollte. Gemeinsam mit dem Amerikanischen Roten Kreuz wird der ITS nun nachforschen, ob und wo Maria und Georg heute noch leben. „Die Hoffnung, meine Mutter zu treffen, habe ich noch nicht verloren“, sagt BettyAnn. „Auch ein Treffen mit meinem Halbbruder könnte ich mir gut vorstellen.“ Die Dokumente vom ITS will sie nun in aller Ruhe studieren. „Mit so vielen Informationen hätte ich nicht gerechnet.“