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Brüder nach Jahrzehnten wieder vereint

Bild zeigt: Alfons Gerlach
Alfons Gerlach hat nach Jahrzehnten seinen Bruder wiedergefunden.

Seit Mai 2014 hat der 1938 geborene Alfons Gerlach wieder einen Bruder. Bis dahin lebte er, ohne eine einzige Spur zu seiner ursprünglich großen Familie zu haben. Den letzten Kontakt hatte es im Katholischen Waisenhaus in Augsburg gegeben, in das alle zwölf Geschwister 1939 gebracht worden waren. Um 1950 kam der ein Jahr ältere Willi in Pflegefamilien und Alfons blieb zunächst im Waisenhaus, so verloren sich auch diese Brüder aus den Augen. Möglich wurde die Familienzusammenführung nach mehr als 60 Jahren durch die Suche nach Angehörigen im Archiv des International Tracing Service (ITS). Alfons Gerlach erfuhr durch die Anfrage aber auch, wie er und seine Geschwister Waisen wurden. Denn seine Mutter Anna Barbara Gerlach war von den Nationalsozialisten verfolgt und im Konzentrationslager Ravensbrück II getötet worden.

Inhaftierung, Zwangsarbeit und Tod der Mutter

Am 6. Mai 1942 kam Anna Gerlach, Tochter der Landwirtfamilie Ignaz und Barbara Gerlach aus Obernau, in das Landgerichtsgefängnis in Hof. Bereits am 7. Mai wurde sie in das Polizeigefängnis Leipzig überführt und wieder einen Tag später in das Frauen-Konzentrationslager nach Ravensbrück. Sechs Monate später, am 6. November 1942, starb sie dort. Informationen über ihre letzten Monate und über die Umstände des Todes gibt es nicht. Doch kann man aus der Geschichte des KZs, insbesondere über die Entwicklungen im Jahr 1942, Herleitungen treffen. Anna Gerlach gehört zu einer Opfergruppe der Nationalsozialisten, die nach dem Krieg besonders unter fehlender Anerkennung und ungerechter Scham zu leiden hatte.

Die Historikerin Christa Schikorra hat die Gruppe der von den Nationalsozialisten als „asozial“ eigestuften Häftlingen im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück erforscht. Sie stellte fest, dass im Kriegsverlauf mehr und mehr von der Kriminalpolizei verhaftete „asoziale“ Frauen in das KZ Ravensbrück deportiert wurden: Waren es 1939 noch 240 von insgesamt 974 Internierten, so lag die Zahl 1942, im Jahr der Verhaftung von Anna Gerlach, bei 1.976 von 7.216 Frauen. Sie beschreibt, wer unter diese Einstufung fiel: „Bei Kinderreichtum und Armut zusammen mit Tuberkulose, Alkoholproblemen, Straffälligkeit wurden Familien schnell als 'asozial' klassifiziert. Es konnte (…) sogenannte Fürsorgezöglinge treffen - Menschen, die sich in die proklamierte deutsche Volksgemeinschaft nicht einordnen konnten oder wollten.“ (Zitiert nach: Christa Schikorra, „Asoziale“ Häftlinge im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, Ravensbrückblätter, 27. Jahrgang, Nr. 108, September 2001)

Die katholische Anna Gerlach, alleinstehend und mit zwölf Kindern, wurde in dieses nationalsozialistische Denkschema geschoben. Man deklarierte sie zur „Berufsverbrecherin“ und nahm sie in „Vorbeugehaft“. „Vernichtung durch Arbeit“ – das war für sie sowie für viele Lagerinsassen in Ravensbrück das Schicksal.

Wenige Erinnerungen

Alfons Gerlach hat selbst keine Erinnerungen an seine Mutter, denn er kam als Baby ins Waisenhaus. „Ich habe auch Willi und meine anderen Geschwister kaum gekannt“, berichtet er über seine Kindheit in Augsburg. Die Geschwister wuchsen sortiert nach Alter und Geschlecht in Kleingruppen auf, so dass es kaum Möglichkeiten für einen Kontakt untereinander gab. Doch betont Alfons Gerlach, dass er sich in dem Heim in guten Händen gefühlt habe. Zu einer Nonne hatte er einen besonderen Kontakt. „Die Schwester Engelbirgis erzählte mir, dass wir eine Familie mit zwölf Kindern gewesen seien und versprach, dass sie mir alles über meine Familie erzählen würde, wenn ich erwachsen sei.“ Doch dazu kam es nicht, weil die Schulschwester bereits verstorben war, als Alfons Gerlach nach seiner Lehrzeit zu einem Besuch nach Augsburg fuhr; andere Schwestern und die Verwaltung wussten angeblich nichts über ihn. So blieb für ihn, den Jüngsten der Kinder, das Schicksal seiner Familie im Dunkeln. „Ich hatte nichts, keine Tanten, keine Onkel, keine Geschwister mehr“, erzählt er.

Anfrage an den ITS

Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 2008 war das Gefühl der Entwurzelung wieder stärker in das Leben von Alfons Gerlach getreten, der zu dieser Zeit als medizinischer Bademeister im Gasthof Alpenrose in Mittenwald tätig war. Bärbel Ostler, die Schwester des Gastwirts, kannte seine Geschichte und begab sich auf die Spurensuche. So trat sie an den ITS heran; Alfons Gerlach hatte einer Suche in den Dokumenten des Archivs zugestimmt. Es gelang, Willi Gerlach als den offenbar noch einzigen lebenden Bruder zu finden. Das war nicht ganz einfach, da er in zwei Pflegefamilien gelebt, zeitweise einen anderen Namen geführt und sich längere Zeit im Ausland aufgehalten hatte.

Treffen in Mittenwald

An einem Samstag im Mai 2014 war es dann soweit: Alfons Gerlach war von Bärbel Ostler gebeten worden, in den Gasthof zu kommen. Er ahnte nicht, weshalb. Die Wirtsfamilie hatte Willi Gerlach aus Erlangen eingeladen und einen unvergesslichen Tag für die Brüder organisiert: mit Zeit zum Reden, festlicher Bewirtung und einem Gottesdienst. „Es hatte fast etwas von einer Hochzeit“, berichtet Alfons Gerlach, noch immer dankbar.

Traurige Gewissheit

So erfreulich wie das Zusammentreffen mit dem Bruder war, so traurig waren viele Dinge, die Alfons Gerlach an diesem Tag erfuhr. Willi Gerlach wusste aus dem Kinderheim, dass die meisten Geschwister im Februar 1944 bei einem Bombardement ums Leben gekommen waren, bei dem auch das Waisenhaus getroffen worden war. Zwar konnte der ITS von drei anderen Kindern die Namen und auch einige Daten finden. Doch leben weder die zwei Schwestern, noch der ältere Bruder heute noch. Ein gewisser Trost mag sein, dass Alfons Gerlach nun einige Namen und teilweise auch Informationen über Familienangehörige der Geschwister kennt, so dass langsam das Bild von einer Familie entsteht.

Es ist eine durch die Nazi-Verfolgung verursachte, tragische Familiengeschichte. Nun hofft Alfons Gerlach, dass es zu einem regen Austausch und gegenseitigen Besuchen mit seinem Bruder Willi kommen wird.