a A

Der Schatten der Vergangenheit war immer präsent

Bild zeigt: Frieda Jacobowitz gemeinsam mit Ihrem Mann Oscar Ramspek beim ITS
Frieda Jacobowitz und ihr Mann Oscar Ramspek haben sich auf die Suche nach den Lebensspuren ihres Vaters gemacht.

Frieda Jacobowitz hat sich gemeinsam mit ihrem Mann Oscar Ramspek auf die Suche nach den Lebensspuren ihres Vaters Henry Jacobowitz gemacht. Der 83-Jährige ist ein Holocaust-Überlebender und heute in den USA in Phoenix, Arizona, zuhause. „Er wollte nicht zurück an die Orte der Vergangenheit. Daher zeichnen wir die Stationen seiner ersten Lebensjahre für ihn auf Video auf“, erklärte Frieda. Sie reisten in seine Geburtsregion, aber auch an die Stätten der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Beim International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen nahmen sie Einblick in die Dokumente.

Henry wurde 1929 als Chaim Jacobowitz in Sewljusch (heute Wynohradiw, Ukraine) geboren. Der Ort gehörte zunächst zur Tschechoslowakei, wurde dann 1944 kurzfristig ungarisch. Die jüdischen Bewohner kamen in ein Ghetto und wurden anschließend ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert, unter ihnen auch die Kaufmannsfamilie Jacobowitz. Henrys Mutter und die jüngeren Geschwister wurden sofort ermordet, er selbst wurde in eine Baracke mit anderen Jugendlichen eingewiesen. „Er fühlte sich hier sofort unwohl“, erzählt seine Tochter. „Deshalb schlich er sich nachts durch eines der Fenster heraus und wechselte in eine andere Baracke zu seinem Vater und seinem Onkel.“

Mit ihnen gemeinsam musste er in einem Außenkommando Aufräumarbeiten nach der Auflösung des Warschauer Ghettos übernehmen. Als sich die Rote Armee näherte, ging es per Fußmarsch nach Kutna und von da aus per Zug zum Konzentrationslager Dachau. Henry wurde dem Außenkommando „Waldlager“ zugewiesen. Im Zeitraum von August 1944 bis Mai 1945 haben hier insgesamt rund 8.000 Häftlinge an einem gigantischen Rüstungsbunker für den Flugzeugbau gearbeitet. Schätzungen zufolge kam knapp die Hälfte der Häftlinge ums Leben. Sie arbeiteten in Zwölf-Stunden-Schichten und mussten im Laufschritt Kiessäcke schleppen. „Mein Vater konnte sich lebhaft daran erinnern, wie schwer die Säcke waren“, berichtet Frieda.

Henry überstand den Hunger und die Zwangsarbeit, ebenso sein Vater. Am 29. April 1945 wurden sie von der US-Armee befreit. Sein Onkel hatte es nicht geschafft. Gemeinsam mit seinem Vater kehrte Henry zurück in die Heimat, die jetzt zur Sowjetunion gehörte. Als angebliche Kollaborateure mit dem Feind mussten sie in Strafarbeit Straßen bauen. „Sie sind dann nach Ungarn abgehauen“, so Frieda. Während Henrys Vater dort blieb, emigrierte er selbst nach einem Aufenthalt in DP Camps in Österreich 1946 in die USA.

Mit Hilfe des USCC Emigrationsprogramms fand er eine Adoptivfamilie, machte eine Ausbildung und wurde Anwalt. „Er sprach nicht viel über die Vergangenheit“, sagt seine Tochter. „Er wollte uns damit nicht belasten, doch der Schatten war immer präsent. Mein Mann Oscar brachte ihn schließlich zum Sprechen.“ In Bad Arolsen berichten Registrierungen aus dem KZ Dachau und als Displaced Person in Österreich von seinem Schicksal.

„Ich bin sehr froh, dass wir die Geschichte meines Vaters jetzt kennen und die Orte besuchen konnten“, so Frieda. „Das macht es greifbar für mich.“ In der Ukraine habe sie viel von der Gastfreundschaft und Lebensart ihres Vaters wieder entdeckt. Seine drei Kinder hat Henry nach seiner Mutter und den ebenfalls ermordeten Schwestern benannt. Frieda lebt heute in Amsterdam, wo sie während ihres Musikstudiums ihren Mann kennen gelernt hatte. „Der Besuch in Arolsen war eine besondere Erfahrung, für die ich dankbar bin.“