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Die Familiengeschichte wurde als Geheimnis behandelt

Bild zeigt: Richard Oppenheimer bei der Recherche
Richard Oppenheimer sucht in den Dokumenten des ITS nach Informationen über seine Eltern.

Die Geschichte seiner Familie während des Nationalsozialismus versucht der US-Amerikaner Richard Oppenheimer seit einigen Jahren zu rekonstruieren. Jetzt haben ihn seine Recherchen auch zum International Tracing Service (ITS) nach Bad Arolsen geführt. „Ich war inzwischen dreimal in Deutschland und habe jedes Archiv abgeklappert“, berichtet Oppenheimer. „Wegen der Geburts- und Todesdaten war ich auf Friedhöfen und bei Standesämtern. Auch eine alte Freundin meiner Mutter habe ich getroffen. Nun will ich noch die Gedenkstätten sehen.“

Einen ausführlichen Stammbaum seiner Familie hat Oppenheimer entworfen, in dem er jedes Einzelschicksal mit Daten versehen hat. Bedrückend sind die Todesdaten der meisten Familienangehörigen. Immer wieder tauchen die Jahre 1942 und 1943 auf, die Lager Sobibor, Theresienstadt und Auschwitz. „Ich habe heute viele neue Dokumente erhalten mit wichtigen Details, die ich noch nicht kannte“, sagt Oppenheimer. „Auch zum Rätsel um eine bislang in der Familie weitgehend unbekannte Tochter meiner Tante Marga.“

Als Kind habe er nicht viel über die Familiengeschichte gewusst, erzählt Oppenheimer. „Meine Mutter hat nicht über die Vergangenheit gesprochen. Es war zu schwierig für sie. Erst nach dem Tod meiner Eltern fand ich Dokumente, Briefe und Fotos und fing an zu suchen und zu graben.“ Er begann zunächst beim USHMM und bei Yad Vashem, bevor er nach Deutschland reiste.

Oppenheimers Mutter, Erika Mannheimer, wurde 1923 im hessischen Bad Wildungen geboren, nur wenige Kilometer von Bad Arolsen entfernt. „Durch die Straßen im Geburtsort meiner Mutter zu gehen, macht mich traurig“, sagt ihr Sohn. „In der Kristallnacht waren ihre Sachen auf die Straße geworfen worden. Sie verlor ihr Haus.“ Die Familie musste nach Kassel umziehen, von wo aus Erika mit ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern 1941 nach Riga deportiert wurde. Erika und ihre Mutter Lina überlebten die Konzentrationslager von Riga, Kaiserwald und Stutthof. Der Rest der Familie wurde ermordet.

Auf einem Todesmarsch wurden die beiden Frauen im Januar 1945 befreit und schlugen sich durch bis in den einstigen Heimatort Bad Wildungen. Hier haben sie dann noch ein Jahr gelebt, bis sie im September 1946 die Papiere für die Ausreise in die USA erhielten. Zwei Brüder der Großmutter waren rechtzeitig aus Nazideutschland geflohen und konnten sie in New York aufnehmen.

In den USA arbeitete Erika zunächst ein Jahr in einer Textilfabrik als Näherin, bevor sie 1947 Max Oppenheimer heiratete. Dieser lebte in New York im selben Haus. Er war nahe Augsburg geboren und rechtzeitig aus Deutschland geflohen. Mit den Worten „Du gehst besser“ hatte seine Mutter ihn nach der Verhaftung des Vaters fortgeschickt. 1940 gelang die Ausreise in die USA. Ein Onkel nahm ihn und seinen Bruder auf. Von der Ermordung seiner Eltern erfuhr Max nur aus Briefen von Freunden.

„Meine Eltern haben sich immer geweigert, nach Deutschland zu reisen“, berichtet Oppenheimer, der 1950 in New York geboren wurde und heute in Sarasota, Florida, lebt. „Erst 1978 fuhren sie für zehn Tage zu einem Prozess und besuchten dabei auch ihre alten Heimatorte.“ In Augsburg gelang es Oppenheimer im vergangenen Jahr, ein Interview seines Vaters aus dieser Zeit zu finden. „Er hatte gesagt, dass er nervös sei und sich beim Anblick von älteren Deutschen ständig die Frage stelle, was dieser wohl damals getan hätte. Bestimmte Geräusche, wie Schläge an die Tür, haben ihn immer aufgeschreckt.“

Es sei nie gewiss, ob es nicht wieder einen Hitler gebe, habe sein Vater stets gesagt. „Deshalb hatten sie auch nur ein Kind. Sie wollten nicht mehr als eins verlieren“, so Oppenheimer. „Als Kind durfte ich nie etwas aus Deutschland kaufen. Einmal brachte ich doch eine Schreibmaschine nach Hause, musste sie aber sofort zurückbringen. Meine Mutter kontrollierte alle Etiketten.“

Ein Teil von ihm fühle sich in Deutschland wohl, sagt Oppenheimer. „Ich mag das Essen.“ Doch ein anderer Teil stelle alten Menschen innerlich dieselbe Frage wie sein Vater. Und Berichte über Neonazis weckten in ihm die Sorge, ob so etwas wohl wieder geschehen könnte. „Daher finde ich es wichtig, nachzufragen und auch den jungen Menschen von der Verfolgung der Juden zu berichten. Ich habe die Hoffnung, dass sie es nicht wieder zulassen werden, wenn sie die Geschichten hören.“ Das Schweigen seiner Eltern versuche er zu verstehen, versichert Oppenheimer. „Ich schätze, sie wollten mich beschützen. Doch meine Familiengeschichte wurde als Geheimnis behandelt, ein Geheimnis, das ich hätte wissen müssen.“