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Ein Schuhkarton verrät das Schicksal der Mutter

Bild zeigt: Ron und Mark Ibbitson beim ITS
Die Brüder Mark und Ron Ibbitson machen sich auf die Suche nach Informationen über die Vergangenheit ihrer Mutter.

Einen Schuhkarton drückte ihm seine Mutter, Ruth Ibbitson, kurz vor ihrem Tod in die Hand. „Du wirst entscheiden, was damit geschehen soll“, sagte sie ihrem Sohn Ron. Der heute 60-Jährige Brite erfuhr auf diese Weise, dass seine Mutter sich einst mit einem Kindertransport vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten hatte retten konnte. „Wir wussten bis dahin so gut wie nichts über die Vergangenheit unserer Mutter“, berichtet Ibbitson. Gemeinsam mit seinem Bruder Mark hat er sich auf die Spurensuche begeben, die ihn jetzt auch zum International Tracing Service (ITS) nach Bad Arolsen führte.

In dem Karton befanden sich unter anderem die Reisedokumente für einen Kindertransport von Deutschland nach Großbritannien im Juni 1939, der Brief eines Bruders aus dem Konzentrationslager Auschwitz und einige Dokumente zum Start in der neuen Heimat. Mit 15 Jahren konnte Ruth Peschel, wie sie damals hieß, Deutschland noch rechtzeitig vor dem Beginn des Holocaust verlassen. „Es war zunächst ein Schock für uns. Wir wussten doch nur, dass sie Deutsche war“, so Ron. „Sie hat ganz selten mal über Kindheitserlebnisse gesprochen, aber nie von Gräueltaten gegenüber Juden. Erst im Alter hat sie manchmal ihre jüdischen Verwandten erwähnt und gesagt: Ich möchte heimkehren.“

Die aus Breslau stammende Familie war von den Nationalsozialisten verschleppt und großenteils ermordet worden. Ruths Bruder Emanuel Peschel starb kurz vor Kriegsende im April 1945 im Außenlager Gusen des KZ Mauthausen, nachdem er den Todesmarsch aus Auschwitz noch überstanden hatte. Die Großmutter Regina Jacobowitz war bereits im Juli 1943 im Ghetto Theresienstadt umgekommen. Von Ruths Großvater Isidor fehlt jede Spur. Allein Ruths Eltern Helene und Otto Peschel hatten überlebt.

Sie waren nach Deutschland zurückgekehrt und haben zwischenzeitlich auch einige Jahre in Israel verbracht. „Ich kann mich noch an spätere Besuche bei meiner Großmutter in Münster erinnern“, erzählt Mark, mit 48 Jahren der jüngste von insgesamt neun Enkeln. „Sie war eine beeindruckende Lady für mich, deren Sprache ich nicht verstand.“ Für Ruth waren die Begegnungen mit der Vergangenheit dagegen nicht immer einfach. „Unsere Mutter war eine übervorsichtige und sehr ängstliche Frau“, sagt Ron. „Erst jetzt beginne ich dies zu verstehen. Als wir einmal die Grenze nach Deutschland überquerten, sprach sie nach der Passkontrolle kein Wort mehr. Ein anderes Mal fing sie an zu weinen, als wir für eine Renovierung alle ihre Möbel aus dem Haus trugen. Dies muss unangenehme Erinnerungen geweckt haben.“

Nach ihrer Ankunft in Harwich war Ruth im Juni 1939 zunächst für zwei Wochen bei einer jüdischen Familie untergekommen, bevor sie eine Ausbildung auf einer Farm School und bei der britischen Armee beginnen konnte. Hier lernte sie auch ihren Mann kennen, den sie 1947 in Leeds heiratete. „Unser Vater war ein streng viktorianischer Brite, in dessen Sinne wir auch erzogen wurden“, berichtet Mark. „Wir Kinder wurden alle konfirmiert und gingen jeden Sonntag zur Kirche.“ Wie sie mit ihrer neu gewonnenen jüdischen Identität umgehen, ist für die Kinder der Überlebenden noch nicht ganz entschieden. „Ich fühle mich ein wenig zwischen den Stühlen“, räumt Ron ein. „Ich habe inzwischen viele jüdische Freunde und fühle mich da eher zu Hause.“