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Erste Informationen und ein Kinderfoto der Halbschwester

Bild zeigt: Horst Meyer und Frau Margret Schlenke, Abteilungsleiterin Suchdienst und Schicksalsklärung
Horst Meyer bekommt Informationen über seine Halbschwester

Die Suche nach seiner Halbschwester hat Horst Meyer aus Mücke bei Gießen zum International Tracing Service (ITS) nach Bad Arolsen geführt. „Erst am Sterbebett erzählte mir meine Mutter von ihrer Existenz. Ich möchte sie finden“, so Meyer. Beim ITS erfuhr der 65-Jährige nun erstmals den Namen und das Geburtsdatum seiner Halbschwester. Auch ein Foto der damals knapp Zweijährigen, das sich in einer Kinderakte im Archiv des ITS befindet, konnte er mitnehmen. „Ein bildschönes Mädchen“, freut er sich.

Überrascht sei er, sagt Meyer. „Ich hätte nie geglaubt, dass es noch so viele Informationen gibt. Ich muss das jetzt erstmal verarbeiten.“ Meyers Mutter, Olga Fediura, war 1943 als jüngstes Kind von sieben Geschwistern zwangsverschleppt worden nach Deutschland. Sie stammte aus Rowno in Polen (heute Riwne/Ukraine). Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus arbeitete sie für die US-Armee als Serviererin, ging eine Beziehung mit einem Soldaten ein und bekam ihr erstes Kind. Horst Meyer wurde am 10. Dezember 1947 als Clarens Estes Fediura in Hoechst bei Frankfurt/Main geboren.

Am 18. September 1949 folgte mit Monika Fediura ein zweites Kind von einem anderen US-Soldaten. Eine Heirat kam nicht zustande und angesichts ihrer ungewissen Zukunft als alleinstehende Ausländerin im Nachkriegsdeutschland gab Olga Fediura ihr zweites Kind zur Adoption frei. „Dies betrifft ein farbiges Kind, dessen Mutter unverheiratet ist und nicht in der Lage, dem Kind eine gute Zukunft zu sichern. Die Adoption durch eine farbige Familie in den USA scheint im besten Interesse des Kindes zu sein“, lautete der Bericht von Child Care Officer L. Wijsmuller am 18. Januar 1951 im Archiv des ITS. Laut den Gerichtsakten sei über den Vater von Monika „nichts bekannt“, dagegen taucht auf einem anderen Dokument der Eintrag „American Soldier Roy Jones in Frankfurt; Germany“ auf.

Bereits wenige Tage nach der Geburt wurde das Baby in Pflege gegeben. Es durchlief mehrere Stationen bis zur Ausreise in die USA, unter anderen das städtische Kinderheim Frankfurt/Main sowie Kindereinrichtungen der International Refugee Organisation (IRO) in Fabenhausen, Schweinfurt und Bad Aibling. Im Mai 1951 entschied das Gericht des United States Courts of the Allied High Commission für Germany in München die Übersiedlung in die USA. An ihrem zweiten Geburtstag, am 18. September 1951, wurde Monika in ein Flugzeug von München-Riem nach New York gesetzt.

„Meine Mutter hat niemals ein Wort gesprochen über die Zeit damals“, berichtet Meyer. „Ich weiß so gut wie nichts. Sobald ich sie auf ihre Herkunft ansprach, wurde sie aggressiv.“ Nicht einmal ihren Geburtsort habe sie besuchen wollen. „Den Namen des Ortes erfahre ich heute zum ersten Mal.“ Dies bestätige ihre Erfahrungen, berichtet Margret Schlenke, Abteilungsleiterin Suchdienst und Schicksalsklärung beim ITS. „Die Mütter waren häufig so schwer traumatisiert von den Ereignissen, dass sie bis ins hohe Alter geschwiegen haben.“ Was seiner Mutter zugestoßen ist, wird Meyer vermutlich niemals erfahren. Auf der Registrierung als Displaced Person vermerkten die Alliierten im März 1946 lediglich „….wünscht nicht ins Land zurückzukehren“ – wie so viele andere ehemalige Zwangsarbeiter aus Osteuropa auch.

In den meisten Fällen wählten sie die Emigration, doch Olga Fediura lernte schließlich einen Deutschen kennen und ließ den Namen ihres ersten Kindes nach der Heirat in Horst Meyer ändern. „Über meinen leiblichen Vater habe ich keine Informationen. Es interessiert mich auch nicht sonderlich“, so Meyer. „Ich möchte nur meine Schwester finden, denn sie war ein Kind und konnte nichts dafür. Vielleicht hat sie denselben Weg eingeschlagen wie ich.“ Die Suche wird sich schwierig gestalten. Aufgrund einer Adoption und einer möglichen späteren Heirat haben sich vermutlich zwei Namensänderungen ergeben. „Herr Meyer muss Geduld haben“, so Schlenke. „Aber wir geben nicht auf. Und die Beziehungen zum Amerikanischen Roten Kreuz, das uns bei der Suche unterstützt, sind sehr gut.“