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„Es ist eine Art Reise, die hilft die Vergangenheit zu verstehen“

Bild zeigt: Lennart Spira bei seinem Besuch des ITS
Lennart Spira hat 2012 den ITS aufgesucht, um im Archiv nach Dokumenten zum Schicksal seiner Familie zu forschen.

Der Schweizer und gebürtige Schwede Lennart Spira hat am 12. und 13. Januar den International Tracing Service (ITS) aufgesucht, um im Archiv nach Dokumenten zum Schicksal seiner Familie zu forschen. Spira ist der Sohn zweier Holocaust-Überlebender aus Polen. „Die Geschichte meiner Mutter kenne ich sehr gut. Sie hat sie dokumentiert“, berichtet der 58-Jährige. „Was meinem Vater passierte, weiß ich dagegen nicht so detailliert. Deshalb bin ich hier. Ich will die Odyssee meines Vaters während des Zweiten Weltkrieges systematisch nachvollziehen.“

An sich wollte Nathan Spira, der 1917 im polnischen Zawiercie nahe Krakow geboren wurde, Buchhalter werden. Doch bevor er eine Ausbildung abschließen konnte, musste er beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zur Armee. Als Kriegsgefangener fiel er im September 1939 in die Hände der Deutschen. „Bis zu seiner Befreiung im April 1945 blieb er immer inhaftiert“ schildert sein Sohn. „Die Juden und Sinti unter den polnischen Kriegsgefangenen wurden irgendwann separiert. Mein Vater war dann in verschiedenen Zwangsarbeitslagern.“

Zuletzt hatten die Nationalsozialisten Nathan nach Kittlitztreben (heute Trzebień), einem Außenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen, verschleppt. Am 9. Februar 1945 verließen die Häftlinge das Lager mit einem Evakuierungsmarsch in Richtung Buchenwald. Im Archiv des ITS befindet sich eine Liste der 746 Häftlinge, die nach 325 Kilometer in Buchenwald ankamen. „Mein Vater hat überlebt“, so Spira im Rückblick auf die sechs Jahre Haft. „Ich denke, dass die Häftlinge, die lange dabei waren, alle Tricks kannten. Sie ahnten, was passierte und konnten sich auf ihren Instinkt verlassen. Glücklicherweise war mein Vater als Sanitäter tätig und blieb damit verschont von schwerer körperlicher Arbeit.“

Neuanfang in Schweden

Nach dem Kriegsende habe sein Vater zunächst nach Verwandten gesucht, berichtet Spira. „Er fand seine Schwester, die mit einem Jugendfreund in die USA ging“. Am 24. August 1947 konnte Nathan dann nach mehreren im Archiv des ITS ebenfalls belegten Stationen in Lagern für Displaced Persons, zuletzt Belsen, nach Schweden reisen. „Er hatte erfahren, dass eine Freundin aus Kindertagen, meine Mutter Sura-Malka Grünberg, in Stockholm lebte. Die beiden waren in Zawiercie gemeinsam zur Schule gegangen.“

Auch die Mutter hatte die Verfolgung durch die Nationalsozialisten durchlitten. Sie wurde zunächst ins Ghetto Lodz verschleppt, anschließend in die KZs Auschwitz und Bergen-Belsen. Nach ihrer Befreiung war sie mit den Weißen Bussen des Schwedischen Roten Kreuzes nach Stockholm ausgereist. 1948 heirateten die Überlebenden und bekamen drei Kinder. Lennart wurde 1953 geboren.

Etwa 1.500 osteuropäische Juden fanden nach dem Ende des Krieges in Schweden eine Bleibe. „Sie bildeten eine homogene Gruppe. In ihren Gesprächen kamen sie immer wieder auf die Zeit der Verfolgung zu sprechen. Vermutlich waren diese Gespräche eine Art Ventil, ihre Form der Verarbeitung“, erzählt Spira. Großen Wert hätten seine Eltern vor allem auf eine gute Ausbildung für ihre Kinder gelegt. „Sie haben mich die Philosophie gelehrt, dass du immer vorbereitet sein musst, notfalls gehen und ein neues Leben starten zu können.“ Seine beruflichen Stationen führten Spira über Deutschland und Israel in die Schweiz, wo er und seine Familie heute zuhause sind. Sein Bruder ist in Schweden geblieben, seine Schwester nach Israel ausgewandert. Seine Mutter lebt mit 92 Jahren heute abwechselnd in Schweden und Israel.

Begegnung mit der Vergangenheit wichtig

Spiras Vater starb 1995 im Alter von 78 Jahren. „Ihn hat der Krieg nie wirklich verlassen. Er war angeschlagen, auch wenn er nach außen hin ein normales Leben führte und beruflich erfolgreich war“, weiß sein Sohn. Auch Lennart selbst kennt das Ringen mit den Schatten der Vergangenheit. „Ich gehöre zur ‚Second Generation’. Wir haben alle unseren Rucksack zu tragen.“ Um ihn halten zu können, will Spira mit Hilfe von Dokumenten aus Archiven, dem Besuch von Gedenkstätten und Gesprächen mit Zeitzeugen mehr erfahren. „Ich bezeichne es als eine Art Reise. Natürlich kann niemand das Geschehen begreifen, der es nicht selbst erlebt hat. Aber es hilft mir, die Vergangenheit besser zu verstehen und vielleicht auch akzeptieren zu können. Für mich sind diese Auseinandersetzung und die Begegnung mit den Orten wichtig.“

Mit seiner Mutter und seinem Bruder konnte Spira nach Polen reisen, um sich „alles anzusehen“. „Mein Vater wollte jedoch nicht zurück.“ Deshalb sei es gut, wenn es einen Platz wie den ITS in Bad Arolsen gebe. „Hier kann ich mir die Dokumente ansehen, die viele Fakten zutage bringen und das Erzählte schwarz auf weiß bestätigen“, erklärt Spira. „Ich denke, dass vielen Kindern von Holocaust-Überlebenden unbekannt ist, wie viel Material eigentlich vorhanden ist. Ich war selbst erstaunt. Wer nicht auf die enorme Mengen an Dokumenten gestoßen ist, versteht jedoch die bürokratische Maschinerie nicht, die enorme Kontrolle, die Akribie, die Buchhaltung über Menschen. Auch dies ist ein wichtiger Teil der Geschichte.“