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„Ich habe auf einige Fragen eine Antwort erhalten“

Bild zeigt: Rabbiner Leo Jechiel Brukner im Archiv des ITS
Rabbiner Leo Jechiel Brukner hat bei einem Besuch nach Dokumenten zum Schicksal seiner Familienangehörigen geforscht

Rabbiner Leo Jechiel Brukner hat Ende Juni 2012 bei einem Besuch des International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen nach Dokumenten zum Schicksal seiner Familienangehörigen während der nationalsozialistischen Verfolgung geforscht. „Für mich war die heutige Begegnung ein weiterer Baustein in meiner unermüdlichen, fast obsessiven Suche nach meinen Wurzeln und dem Verstehen dessen, was mein Vater durchgemacht hat“, sagte Rabbiner Brukner.

Zahlreiche seiner Familienangehörigen, darunter die Großeltern, Tanten und Onkel wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Ihre Spuren verlieren sich mit der Verhaftung im polnischen Wolbrom im Jahr 1942. Allein Brukners Vater Berek, der 1922 geboren wurde, überlebte die Verfolgung. Er war zunächst im Ghetto von Bendzin (heute Bedzin) etwa 65 km nordwestlich von Krakau und dann in den Zwangsarbeitslagern Markstädt und Blechhammer. Zum Ende des Krieges musste Berek Brukner auf den Todesmarsch von Blechhammer zum Konzentrationslager Groß-Rosen, das die entkräfteten Häftlinge am 2. Februar 1945 erreichten. Von hier aus ging es weiter ins Konzentrationslager Buchenwald, bis am 11. April 1945 mit der US-Armee die Befreiung kam.

In die USA wolle er auswandern, gab Berek bei einer ersten Befragung durch die Alliierten an. Doch es wurde die Schweiz, die im Juni 1945 377 jugendliche Holocaust-Überlebende aus Buchenwald zur Erholung aufnahm. „Mein Vater hat sich jünger gemacht, um dabei zu sein“, weiß Rabbiner Brukner. „Jetzt ist mir klar, warum es zwei Geburtsdaten gibt. Innerlich war mein Vater immer ein wenig gestresst. Er hatte wohl Sorge, dass ihn die Schweiz wegen seiner cleveren Schummelei ausweisen würde.“ Auf einem Fragebogen der International Refugee Organisation  (IRO) notierte Berek 1949 auf die Frage, warum er nicht in seine ursprüngliche Heimat zurückkehren wolle: „Weil alle meine Familienmitglieder umgebracht wurden und ich niemanden mehr habe.“ Zwei Jahre später heiratete der Überlebende schließlich in der Schweiz und konnte bleiben. Er verstarb 1980 in Zürich.

Sein Sohn, der zeitweise nach Israel auswanderte und mittlerweile in Süddeutschland lebt, will die Erinnerung an das Schicksal seiner Familie aufrecht erhalten. Die Kopien aus dem Archiv des ITS, darunter Unterlagen aus dem Konzentrationslager Buchenwald, die Fragebögen nach der Befreiung und die Liste der in der Schweiz aufgenommenen Überlebenden, wollte er nicht mehr aus den Händen geben. „Ich schätze die wichtige Arbeit des ITS“, erklärte Rabbiner Brukner. „Ich habe viel gelernt und auf einige Fragen eine Antwort erhalten.“