a A

„Ich habe den Kratzer, den alle Holocaustüberlebenden haben“

Bild zeigt: David Robert Sealtiel und seine Frau Diana bei ihrem Besuch beim ITS
David Robert Sealtiel, will Daten über seine Angehörigen zusammentragen, die er während der nationalsozialistischen Verfolgung verloren hat.

Zwei Tage hat David Robert Sealtiel aus Israel mit seiner Frau Diana den International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen besucht. Der Holocaust-Überlebende trägt seit 60 Jahren die Daten über seine Angehörigen zusammen, die er während der nationalsozialistischen Verfolgung verloren hatte. „Ich bin zum ITS gereist, als wenn ich zum Zahnarzt gehen müsste. Ich hatte Angst vor dem Besuch und habe mir große Sorgen gemacht“, beschreibt er seine Gefühle. „Doch durch den herzlichen Empfang, die uneingeschränkte Hilfsbereitschaft und das Verständnis, auf das ich hier gestoßen bin, waren diese Bedenken schnell verflogen.“

Sealtiel wurde am 18. März 1940 in Amsterdam geboren. Nur wenige Monate später überfiel Deutschland die Niederlande. „Bis Anfang 1942 lebte ich mit meiner Mutter Clara und meinem Vater David zusammen“, berichtet er. „Doch dann wurde mein Vater verhaftet und die Nazis deportierten ihn in das Durchgangslager Westerbork.“

Nach der Geburt seines Bruders Joseph im Juli 1942 wurde Sealtiel mit seiner Mutter zur Hollandsche Schouwburg gebracht. Dort wurden Juden aus Amsterdam und Umgebung zusammengetrieben, um sie von hier nach Westerbork und in das KZ Herzogenbusch/Vught zu deportieren. „Ich hatte Glück“, erzählt der Israeli. „Am Abend vor der Deportation wurde ich von einem deutschen Juden geschnappt, in einen Koffer gesteckt und aus dem Lager geschmuggelt.“ Über das Ijsselmeer wurde der kleine Sealtiel in eine christliche Familie nach Friesland gerettet.

„In der Familie war ich gut aufgehoben“, erinnert er sich. „Immer wenn eine Razzia kam, musste ich mich verstecken. Hatten wir genug Zeit, bis die Männer kamen, verkroch ich mich in einem Erdloch unter dem Haus. Ansonsten diente ein altes Holzfaß im Garten als Versteck.“ An die dreijährige Zeit in Friesland kann er sich noch gut erinnern. „Das Versteck unter der Erde war gerade mal so groß, dass ich hinein passte. Löcher nach draußen gaben mir Luft zum Atmen und den Blick auf die Straße. Wenn in der gegenüberliegenden Fabrik Juden entdeckt wurden, musste ich aus meinem Versteck beobachten, wie sie an der Mauer erschossen wurden“, so der 73-Jährige.

Am Schlimmsten war für ihn jedoch die Dunkelheit im Gartenfaß. „Es wurde mit einem Deckel geschlossen, zusätzlich stellte die Familie einen Blumentopf darauf. Ich konnte nichts sehen, ich konnte nichts hören und wenn es regnete war es zudem noch kalt und feucht. Oft musste ich stundenlang ohne Essen und Trinken dort kauern“, erzählt der Junge von damals.

Nach der Befreiung kehrte Sealtiel nach Amsterdam zu seiner Mutter und dem Bruder zurück. Auch sie konnten sich kurz vor dem Abtransport nach Westerbork in ein Versteck retten. „Meine Mutter saß zweieinhalb Jahre mit einem kleinen Baby auf einem Dachboden in Utrecht. Es ist kaum zu glauben, dass sie nicht entdeckt wurden.“ Doch das Wiedersehen nach vier Jahren war gedämpft. „Ich erkannte meine eigene Mutter nicht, mein eigener Bruder sprach mich mit ‚Sie‘ an, wir kannten uns ja kaum.“ So richtig gelebt habe seine Mutter nach dem Krieg nicht mehr, so Sealtiel.

Seine weiteren Angehörigen hat er alle im Holocaust verloren. Beim ITS geht er nun den einzelnen Schicksalswegen nach. „Ich habe drei, fast vier Jahre gebraucht, bis ich die Entscheidung getroffen habe, eine Reise nach Arolsen zu unternehmen“, erklärt er. „Schon seit seinem 13. Geburtstag recherchiert er in Archiven und Institutionen nach seiner holländischen Familie. „Ich kannte einzelne Lager und Todesdaten, doch nun will ich mir auch den genauen Verfolgungsweg anschauen.“

Beim ITS hat er zunächst die Datenbank nach den Namen der Familie seines Vaters durchgesehen. „Wenn ich die Namen auf den unzähligen Listen sehe, ist es jedes Mal wie ein Messerstich in mein Herz“, flüstert er. „Besonders schlimm ist es, wenn ich die Namen von Kindern sehe. Jedes Mal denke ich, warum dieses Kind und nicht ich. Diese Frage ist schon so oft in meinem Leben aufgetaucht.“

Unterstützung bekommt Sealtiel von seiner Frau Diana. „Sie versteht mich und hilft mir und kontrolliert mich“, schmunzelt er. „Ich bin ‚very happy‘, dass ich sie gefunden habe. Nach dem Krieg war ich stark traumatisiert. Ich habe seitdem immer gemacht, was ich wollte. Und den Kratzer, den alle Holocaustüberlebende haben, habe auch ich.“