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„Ich hatte das Bauchgefühl, das könnte auch mich betreffen“

Bild zeigt: Detleff Nordt beim Besuch einer Schulklasse
Detleff Nordt besucht eine Schulklasse der Wilhelm-Flichner-Schule und berichtet von seiner Suche nach der eigenen Identität.

Vor 23 Schülern der Wilhelm-Filchner-Schule Wolfhagen hat Detleff Nordt Ende April 2013 von seiner Suche nach der eigenen Identität berichtet. Nordt wurde am 30. März 1944 im Lebensbornheim Pommern in Bad Polzin geboren. Seine Mutter hatte nie über den Vater und die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen. Historiker Dr. Georg Lilienthal und Studienrat Marcus von der Straten begleiteten die Fragerunde im Anschluss.

Über 60 Jahre wusste Nordt nicht, wer sein Vater war. „Die Wurzeln väterlicherseits fehlten“, erzählt er den Jugendlichen. Immer wenn er die Mutter nach dem Vater fragte, sagte sie, er sei im Krieg gefallen. Nichts Ungewöhnliches erklärte Nordt, mindestens fünf anderen Kindern in seiner Klasse erging es genauso. Und dennoch gab er sich nicht zufrieden. Eine Sendung im ZDF über den „Lebensborn e.V.“ gab den Anstoß für seine über zehn Jahre dauernde Suche. „Beim zusehen hatte ich das Bauchgefühl, das könnte auch mich betreffen.“

Da Nordt wenige Informationen hatte, war seine Recherche nach dem Vater schwierig. Auf seiner Geburtsurkunde war nur seine Mutter eingetragen. Als Geburtsort war ‚Bad Polzin Mütterheim‘ vermerkt. Immer wieder fragte er nach dem Vornamen des Vaters, doch seine Mutter schwieg. „Das war das Schlimmste über all die Jahre, dass sie einfach nichts sagte.“ Aus der Kopie eines Mündelbuches erfuhr er, dass er in einem Lebensbornheim geboren wurde. „Hinter dem Namen meiner Mutter stand ein L und eine Nummer. Das ‚L‘ stand für ‚Lebensborn e.V.‘ und die Nummer, das war ich. Auf diese unmögliche Art habe ich erfahren, dass ich ein Kind des ‚Lebensborn‘ bin.“

Wieder sprach er seine Mutter auf die ersten Jahre seines Lebens und seinen Geburtsort an. „Doch sie sagte nur, dass es uns dort sehr gut gegangen sei. Wir hätten alles gehabt, was wir damals brauchten.“ Sein Stiefvater, mit dem er nie warm geworden war, kommentierte seine Fragerei mit den Worten „Aus dir wäre ein guter SS-Mann geworden“. Warum er das sagte, war ihm damals jedoch unverständlich.

Von seiner Großmutter erhielt Nordt ein Passbild mit einem Mann in einer Marineuniform. „‘Februar 1943, Deutsche Werft Hamburg, dein Herbert‘ stand auf dem kleinen Bild“, erinnert sich der 68-Jährige. „Endlich erfuhr ich den Namen meines Vaters.“ Mit den neuen Informationen wandte er sich an die Deutsche Dienststelle (WASt) in Berlin. Von dort bekam er die Information, dass sein Vater bei der Marine und nach dem Krieg als Lehrer in Rostock angestellt war. „Mir fiel ein Stein vom Herzen als ich hörte, dass er nicht bei der SS war“, betont Nordt.

Im Telefonbuch von Rostock ging er alle Namen durch. „Bei einem Eintrag dachte ich, der könnte es sein“, berichtet er. Er wartete an einem Sonntag, bis seine Frau und seine zwei Kinder aus dem Haus waren. „Diesen Anruf musste ich alleine tätigen“, so Nordt. „Mit pochendem Herzen wählte ich die Nummer.“ Am Telefon erfuhr er von seinem Halbbruder, dass sein Vater bereits verstorben war. „Wir trafen uns und redeten den ganzen Tag und fast die ganze Nacht.“ Seinen Besuch in Rostock und die Suche nach seiner Identität beendete er am Grab seines Vaters. „Siehst Du Vater, nun habe ich Dich doch noch gefunden“, habe er damals geflüstert.

Dass ihm fremde Menschen geholfen haben und die eigene Mutter schwieg, hat ihn all die Jahre belastet. „Ich hätte meinen Vater gerne kennen gelernt. Mein Leben wäre dann anders verlaufen“, beschreibt er seine Gefühle. „Dennoch bin ich mit mir im Reinen. Es gab immer wieder jemanden, der mir ein Stück weiter geholfen und Anteil am meinem Schicksal genommen hat. Dennoch bin ich gebrandmarkt, weil ich in einem Verstrick aus Lügen aufgewachsen bin.“

Auf die Frage der Schüler „Warum diese Mütter schweigen“ versuchte Historiker Lilienthal den Jugendlichen zu vermitteln, wie die Situation für die Frauen damals gewesen war. Zu sagen, der Mann sei im Krieg gefallen, sei einfach gewesen. Da fragte keiner weiter nach. Und den detaillierteren Fragen der Kinder wurde aus dem Weg gegangen, oder es wurden neue Ausreden erfunden. „Das Lügengeflecht wuchs und wuchs, dem die Frauen nicht mehr entkommen konnten.“

Das Zeitzeugengespräch in der Wolfhager Schule war Programmpunkt einer Veranstaltung des Vereins „Lebensspuren e.V.“. Der Verein ist eine Interessengemeinschaft von Menschen, die in ehemaligen Heimen des „Lebensborn” in den Jahren 1936-1945 geboren wurden, beziehungsweise aus dem Ausland geraubt worden sind und in diesen Heimen untergebracht waren. Das diesjährige Jahrestreffen der Mitglieder fand in Bad Arolsen beim International Tracing Service (ITS) statt. Nordt ist seit der Gründung im Jahr 2005 Mitglied. „Der Verein hat mir emotional geholfen. Hier suchen alle nach ihren Müttern, ihren Vätern, nach ihrer Identität.“