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„Ich hatte mir immer große Sorgen gemacht“

Bild zeigt: Vera Friedländer wie sie Informationen über Ihre Familienangehörigen erhält
Zeitzeugin und Autorin Vera Friedländer hat Dokumente zu 23 Mitgliedern ihrer Familie vom ITS erhalten.

Zeitzeugin und Autorin Vera Friedländer hat Mitte März 2012 anlässlich der Ausstellungseröffnung „Zwangsarbeit Die Deutschen, Die Zwangsarbeiter und der Krieg“ in der Zeche Zollern in Essen Dokumente zu 23 Mitgliedern ihrer Familie vom International Tracing Service (ITS) erhalten. „Die Informationen sind mir bereits bekannt. Doch ich bin dankbar für die Kopien aus dem Archiv des ITS“, so Friedländer. Sie überlebte den Holocaust als Zwangsarbeiterin in einem Reparaturbetrieb der Salamander AG in Berlin. Ihre Mutter war Jüdin, ihr Vater Katholik.

Schon seit einigen Jahren recherchiert Vera Friedländer zum Schicksal ihrer Angehörigen. Aufgrund der eigenen Erfahrungen und Erzählungen ihrer Mutter hatte sie ihre Nachforschungen begonnen. „Das Bild, als meine Großmutter abgeholt wurde und den Transportwagen bestieg, habe ich noch sehr gut in Erinnerung“, erzählt die 84-Jährige. „Dieses Bild habe ich nie wieder in meinem Leben vergessen.“ Friedländer besuchte neben den Gedenkstätten Auschwitz und Theresienstadt auch Archive wie das Landeshauptarchiv in Potsdam, um Informationen zu ihrer Familie zu sammeln. Fotos und Briefe ihrer Angehörigen aus der Zeit des Nationalsozialismus halfen bei der Recherche. „Jedes kleinste Puzzlestück gab Aufschluss“, berichtet sie. Ihre Angehörigen sind in Auschwitz und Theresienstadt ermordet worden.

Friedländers Mutter hat den Holocaust überlebt. „Ich hatte mir immer große Sorgen gemacht, da meine Mutter den Judenstern nicht getragen hat“, erinnert sie sich. „Ich fragte mich, warum sie den Stern nicht trug und warum es keine Schwierigkeiten mit den Nazis gab.“ Eine Namenliste der Jüdischen Gemeinde im Archiv des ITS konnte Friedländer etwas Klarheit darüber verschaffen. Ihre Mutter Charlotte Tawrizowski geborene Rüdau war danach „aus besonderen Gründen“ von der Pflicht zum Tragen des Judensterns sowie der Deportation zurückgestellt worden. Welche Gründe dies waren geht aus dem Dokument leider nicht hervor. „Der Stern ist heute noch im Besitz unserer Familie“, sagt Friedländer.

Friedländers Vater wurde in ein Arbeitslager verschleppt. Auch unter Druck der Nationalsozialisten ließ er sich nicht von seiner jüdischen Frau scheiden. Dadurch genossen die Angehörigen einen gewissen Schutz. Vera Friedländer und ihre Mutter wurden nicht wie die anderen Familienmitglieder in die Vernichtungslager deportiert.

Ihre Erfahrungen und ihre Geschichte hat sie in ihrem Buch „Man kann nicht eine halbe Jüdin sein“ niedergeschrieben. Darin beschreibt sie die letzten Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft als „Halbjüdin“, erzählt von ihrer großen Familie die auseinandergerissen, deportiert und ermordet wurde. Aber auch innere Stärke und Zuversicht vermittelt Friedländer in ihrem Buch. Sie berichtet von Mitmenschlichkeit, Solidarität und menschlicher Würde.