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„Ich ließ alles zurück, mein Zuhause, mein Spielzeug und meine Freunde“

Bild zeigt: Ralph und Phyllis Mollerick bei ihrem Besuch
Ralph und Phyllis Mollerick kamen anlässlich der Ausstellung „Legalisierter Raub“ und der Verleihung der Ehrenbürgerschaft, nach Nordhessen.

„Es macht einen Unterschied, das alles mit eigenen Augen zu sehen“, sagten Ralph und Phyllis Mollerick bei einem Besuch des International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen. Das Ehepaar aus Florida war anlässlich der Ausstellung „Legalisierter Raub“ und der Verleihung der Ehrenbürgerschaft im Nachbarort Wolfhagen, dem Geburtsort von Ralph Mollerick, nach Nordhessen gekommen. Die Beiden nutzten die Gelegenheit, um das Archiv des ITS kennen zu lernen und Einblick in die Dokumente zum Schicksal der Familie Möllerich zu nehmen.

Ralph Mollerick, der am 27. Mai 1930 in Kassel geboren wurde, lebte als Kind mit seinen Eltern in der nordhessischen Kleinstadt Wolfhagen. Schon bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Lebenssituation für die jüdische Familie immer schwieriger. Das Geschäft der Eltern wurde boykottiert, die Konten eingefroren, die Bürgerrechte genommen. Trotzdem er so jung war, erinnert sich Mollerick noch lebhaft an einzelne Episoden, etwa die Erstürmung der Wohnung durch die Gestapo, bei der der Vater mit viel Medizin auf dem Nachtschrank eine Krankheit vorspielte, oder die demütigende Abweisung der Mutter, als sie beim Zwangsverwalter des Familienkontos vergeblich um Geld für ein neues Kleid bat. „Ich war sieben Jahre alt, als wir mitten in der Nacht das Haus verließen“, erinnert sich Mollerick an den Weggang aus Wolfhagen im Jahr 1937. „Ich ließ alles zurück, mein Zuhause, mein Zimmer, mein Spielzeug und meine Freunde.“

Die Familie suchte zunächst Zuflucht in Hamburg, wo im Stadtteil Eppendorf noch viele jüdische Familien wohnten. Seine Eltern schickten Ralph und seine ältere Schwester nur ein Jahr später auf einen der lebensrettenden Kindertransporte Richtung England. „Als Achtjähriger konnte ich das nicht verstehen. Ich hatte das Gefühl, meine Eltern ließen mich im Stich. Sie durften nicht einmal mit auf den Bahnsteig kommen, um Abschied zu nehmen.“ Während der Fahrt mussten die Vorhänge in den Abteilen geschlossen bleiben.

Seine Eltern, Josef und Selma Möllerich, sah Ralph nie wieder. Sie wurden ins Ghetto Litzmannstadt deportiert und vermutlich in Auschwitz ermordet. Im Archiv des ITS bezeugen ein Dokument vom Finanzamt Kassel sowie die Transportliste von Hamburg nach Litzmannstadt vom 25. Oktober 1941 das Schicksal der jüdischen Familie. Immer wieder versuchte Mollerick nach dem Ende des Krieges die genauen Umstände vom Tod seiner Eltern zu klären, auch durch mehrere Anfragen beim ITS. „Es ist frustrierend, dass so viele Dokumente existieren, aber keines dazu“, sagt der 81-Jährige. „Jedes Detail ist ein Schatz.“

Nach seiner Emigration in die USA arbeitete Mollerick viele Jahre bei der NASA. Heute spricht der Pensionär häufig vor Schülern und Interessierten über die Erlebnisse seiner Kindheit, wirbt für Toleranz und Akzeptanz. Gemeinsam mit Ludwig Kann aus Berlin erhielt Mollerick am 13. Februar 2013 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wolfhagen. Die beiden Männer sind die letzten Überlebenden der ehemaligen jüdischen Gemeinde. „Ich hoffe, es ist nicht mit steuerlichen Verpflichtungen verbunden“, scherzte Mollerick und sagte zugleich voller Stolz: „Ich bin ein Wolfhager.“