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„Ich machte mir keine Sorgen, sah nur das Abenteuer“

Bild zeigt: Bern Brent der den ITS besucht
Bern Brent, ein Holocaust-Überlebender, hat den ITS aus Interesse an Dokumenten über die Verfolgung seines Vaters besucht.

Der 90-jährige Holocaust-Überlebende Bern Brent hat am 15. Juli 2013 den International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen besucht. Der Australier aus Canberra interessierte sich vor allem für die Dokumente über die Verfolgung seines Vaters. Dieser hatte drei Jahre im Ghetto Theresienstadt überlebt. Brent selbst war dem nationalsozialistischen Rassenwahn im Alter von 15 Jahren mit einem Kindertransport nach Großbritannien entkommen. „Ich musste damals nicht weinen und machte mir auch keine Sorgen um meine Eltern, da ich die späteren Ausmaße der Judenverfolgung noch nicht erahnte. In erster Linie war ich abenteuerlustig“, erinnert er sich.

Der Überlebende kann eine der wenigen Geschichten des Holocaust erzählen, die einen versöhnlichen Ausgang nahmen. Obwohl sich seine Eltern getrennt hatten und die Familie auseinander gerissen wurde, fanden sich Vater, Mutter und Sohn nach 1945 in Australien wieder. Geboren wurde Brent als Gerd Bernstein 1922 in Zagreb im damaligen Königreich Jugoslawien. Sein Vater führte hier eine Textilfabrik.

Nach kurzer Zeit zog die deutsch-jüdische Familie nach Berlin. „Hier ging ich zur Schule und fühlte mich als Berliner“, sagt Brent. Während der NS-Zeit schloss er sich einer Jugendgruppe der Quaker an. „Sie waren gegen die Nazis und hießen jeden willkommen.“ Dort erfuhr der Teenager damals auch von den geplanten Kindertransporten, mit deren Hilfe jüdische Kinder und Jugendliche aus Deutschland herausgeschafft wurden. „Am 15. Dezember 1938 ging es los.“

In Großbritannien wurde offener über die Verfolgung der deutschen Juden gesprochen. „Daher schrieb ich meiner Mutter ein Telegramm. Nimm den ersten Zug.“ Sie schaffte es, ein Arbeitsvisum als Köchin bei einem Pfarrer zu erlangen und vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges noch legal einzureisen. „Sie bestieg den letzten Zug von Berlin nach London“, weiß Brent.

Da er in Berlin eine Lehre als Feinmechaniker begonnen hatte, fand Brent in London Arbeit in einer Fabrik. Doch nach dem Sieg der Wehrmacht über Frankreich wuchs in Großbritannien die Angst vor einer Invasion und Verrätern unter den Flüchtlingen aus Deutschland. Brent wurde interniert. „Es hieß, wir sollten nach Übersee geschickt werden. Es wurden Freiwillige gesucht. Ich habe lange nachgedacht - für genau drei Sekunden“, erzählt der rüstige Pensionär mit einem Schmunzeln. Wieder hatte sich seine Abenteuerlust gemeldet. „Ich war 17. Da ist man unsterblich.“ Im September 1940 ging es an Bord der HMT Dunera nach Australien. „Nur knapp verfehlten zwei Torpedos unser Schiff.“

Die „Dunera Boys“, unter ihnen viele jüdische Flüchtlinge, kamen zunächst in Internierungslager für Ausländer aus Feindstaaten. Doch nach der Bombardierung von Pearl Harbour wurde die Lage auch in Australien kritisch. So wurden aus Flüchtlingen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und später Soldaten. „Ich hatte den bequemsten Kriegseinsatz überhaupt“, sagt Brent. „Sie haben mich nicht nach Europa oder in eine Kampfeinheit gelassen.“ Nach dem Krieg wollte der damals 23-Jährige erst nach Europa zurückkehren, doch ein Stipendium für die Universität und die Liebe hielten ihn in Australien, wo er bis heute lebt.

Seine Eltern folgten Brent nach Australien. Sein Vater, Otto Bernstein, der im Juli 1942 mit dem 19. Alterstransport von Berlin nach Theresienstadt deportiert worden war, fand nach der Befreiung durch die Rote Armee Unterkunft im Lager für Displaced Persons in Deggendorf. Er begab sich sofort auf die Suche nach seiner vorherigen Ehefrau und seinem Sohn. Auch davon erzählen die Dokumente im Archiv des ITS. Otto vermutete sie in Großbritannien. Dank jüdischer Hilfsorganisationen erfuhr er jedoch bald vom Aufenthalt seines Sohnes in Australien, wohin er am 9. Februar 1947 an Bord der „Johann de Witt“ von Marseille aus immigrierte.

„Mein Vater war ein Optimist und hat das Leben immer durch die rosarote Brille betrachtet“, berichtet Brent. „So beschrieb er den Hunger im Ghetto und seinen mageren Körper im Nachhinein mit den Worten ‚Sie haben mich nur entgiftet.‘“ Sein Überleben verdankte der Vater vor allem den Päckchen, die eine Tante aus der Schweiz nach Theresienstadt sandte. „Sie schickte Sardinen, mit denen er auf dem Schwarzmarkt handeln und beim Arzt gegen Infusionen mit Traubenzucker einlösen konnte“, berichtet Brent. Seine Mutter stieß 1950 von Großbritannien aus ebenfalls zu ihrem Sohn.