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„Viele meiner Mitschüler wurden direkt nach Auschwitz deportiert“

Bild zeigt: Zeev Beer in dem Archiv des ITS
Zeev Beer und sein Sohn Äyal kamen zum ITS, um Dokumente über die Verfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus einzusehen.

Der Überlebende Zeev Beer aus Glandale in Ohio (USA) und sein Sohn Äyal kamen am 21. Juni 2013 zum International Tracing Service (ITS) nach Bad Arolsen, um Dokumente über die Verfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus einzusehen. Für die beiden Amerikaner wurde es eine emotionale Begegnung mit der Vergangenheit. Drei Jahre musste Beer im Ghetto und in Konzentrationslagern verbringen. Seine Mutter überlebte nicht.

Am 5. November 1929 kam Zeev als Wolfgang Beer in Sontra an der Landesgrenze zwischen Hessen und Thüringen zur Welt. Seine alleinerziehende Mutter, Bertha Beer, schlug sich als Reinigungskraft und Feldarbeiterin durch. „Meine Mutter stammte aus einer Familie mit acht Kindern und musste sich bereits früh um die jüngeren Geschwister kümmern.“ Seinen Vater kannte Beer nicht. Mit sechs Jahren kam Beer auf die jüdische Schule in Kassel. „In meinem Schlafsaal standen zwölf Betten, die immer ordentlich sein mussten“, erinnert er sich. 1939 erfolgte der Umzug nach Berlin. Erneut ging der Junge auf ein jüdisches Internat, während seine Mutter ein Zimmer in der Neuen Bayreuterstraße mietete und zur Aushilfe arbeitete.

Im Alter von zwölf Jahren wurde Beer gemeinsam mit seiner Mutter ins Ghetto verschleppt. „Transportliste 25. I. 1942 nach Riga, 1051 Personen, Welle 10“, heißt es auf dem Dokument aus dem Archiv des ITS. „Ich habe Glück gehabt. Als meine Mutter das Schreiben der Gestapo erhielt, holte sie mich aus der Schule ab. Viele meiner Mitschüler wurden direkt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.“ Knapp zwei Jahre, bis Ende 1943, waren Mutter und Sohn im Ghetto Riga. Nach dessen Auflösung ging es weiter ins Konzentrationslager Kaiserwald. „Hier wurden Männer und Frauen bei der Ankunft getrennt, so dass ich den Kontakt zu meiner Mutter verlor. Sie hat mich noch gerufen. Es war das letzte Mal, dass ich sie sah“, erinnert sich Beer. „Kurz darauf muss sie gestorben sein. Sie war eine sehr gute Mutter, aber sie hatte eine schwere Zeit.“

Beer musste in einem Außenlager des KZ, dem Truppenwirtschaftslager (TWL) der SS, arbeiten. „Ich schob an den Gleisen Loren mit Uniformen, die entlaust werden sollten. Es war eine schwere Arbeit, und es gab kaum etwas zu essen.“ Im Oktober 1944 kurz vor dem Heranrücken der Roten Armee wurden die Häftlinge des Außenlagers ins KZ Stutthof gebracht. „Hier war ich nur kurz“, berichtet der 83-Jährige. Es ging sofort weiter ins Außenkommando nach Stolp in Pommern, einem Reichsbahnausbesserungswerk. „Ich arbeitete in der Schlosserei. Wir hatten einen zivilen Vorarbeiter, Herrn Kraus, der uns Jugendliche anlernte.“

Im März 1945 wurde das Außenlager geschlossen und die Häftlinge auf einen Todesmarsch geschickt. „Wir mussten große Distanzen zu Fuß gehen. Viele sind unterwegs umgefallen.“ Am 5. April 1945 kam in Neustadt/Holstein die erlösende Befreiung. Einige Monate verbrachte Beer im Krankenhaus von Neustadt und im Kinderheim Lensterhof, bevor er im Warburg Children Health Home des American Joint Distribution Committee (AJDC) in Hamburg-Blankenese ein vorläufiges Zuhause fand. Dies verraten die ITS-Dokumente über Beer als Displaced Person im befreiten Deutschland.

Im Mai 1947 konnte Beer endlich nach Israel ausreisen, nachdem die notwendigen Papiere eingetroffen waren. Im Kibbuz Hulda lernte und arbeitete er. „Ich war nicht der beste Schüler. Mir fehlte die Geduld, lange zu sitzen.“ Da ihm die Landarbeit auf Dauer zu schwer wurde, entschloss sich der Israeli für die Armee. „Hier hatte ich ein Dach über dem Kopf, Essen und Kleidung.“ Und hier traf er auch seine Frau Ruth, ebenfalls eine Überlebende, die aus Berlin stammte. Er heiratete sie 1956, die Beiden bekamen drei Kinder und zogen 1962 zu ihren Eltern in die USA. Über 30 Jahre hinweg führten die Beers ein Fahrradgeschäft. „Ruth war sehr stark. Sie hat immer gefordert, dass die Kinder etwas aus sich machen.“

Seine Mutter weigere sich, über die Zeit des Holocaust zu sprechen, erzählt Sohn Äyal. „Und auch mein Vater öffnete sich erst vor 15 Jahren das erste Mal. Es war eine große Erleichterung, als er uns 2004 auf einer Reise nach Europa jeden Ort gezeigt hat.“ Seitdem habe sein Vater innere Ruhe finden können. „Wir haben es immer gefühlt und vom Holocaust gewusst, aber wir kannten die persönlichen Erlebnisse unserer Eltern nicht. Ich wünschte, meine Mutter könnte auch darüber sprechen.“ Doch den größten Halt gebe die Liebe und enge Beziehung innerhalb der Familie.

Und mit einem Schmunzeln im Gesicht berichten Vater und Sohn vom Besuch in der Heimatstadt Sontra im Jahr 2004. Sie betraten zunächst den Spielzeugwarenladen, zu dem während Beers Kindertagen kein Jude Zutritt hatte. „Wir haben eingekauft. Spielzeug war das, was ich als Erstes wollte“, sagt der Überlebende. Derzeit schreibt er seine Geschichte nieder „für meine Kinder und jeden, der interessiert ist.“ 40 Seiten seien bereits zustande gekommen. „Doch ich muss auch immer wieder pausieren.“