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„Wenn die Familie den Krieg kennt, kennen ihn auch die Kinder“

Bild zeigt: Marilyn Moriarty in den Beständen des ITS
Ihre Recherchen führten Moriarty zum Internationalen Suchdienst (ITS) nach Bad Arolsen.

Ein Buch über das Leben ihrer Mutter möchte Marilyn Moriarty, Professorin für Literatur an der Hollins University in Roanoke, Virginia, schreiben. Dafür hat sie sich eine Auszeit genommen. „Meine Mutter ist gestorben, als ich 14 Jahre alt war“, erzählt die US-Amerikanerin. „Wir wussten, dass sie während des Zweiten Weltkrieges in Lagern war, hatten aber bis heute keine genauen Informationen.“ Ihre Recherchen führten Moriarty jetzt zum International Tracing Service (ITS) nach Bad Arolsen.

Moriartys Mutter stammte ursprünglich aus Frankreich. Sie wurde am 29. Februar 1920 als Andree Louise Boziere nahe Paris in Issy les Moulineaux geboren. Nach der Besetzung des Landes durch die Deutschen schloss sie sich der Resistance an. „Sie verteilte Flugblätter in Paris“, berichtet ihre Tochter. Doch die Gruppe wurde von den Deutschen entdeckt. „Meine Mutter sah, wie ihr Kontaktmann von der Gestapo abgeholt wurde. Da ahnte sie, dass sie die nächste sein würde.“

Zu vier Jahren Haft wurde die Widerstandskämpferin am 2. Mai 1943 verurteilt. Dank der Dokumente im Archiv des ITS erfuhr Moriarty nun die Stationen der Verfolgung bis zum Kriegsende. Nach einigen Wochen in Paris wurde Andree nach Oberems bei Gütersloh verschleppt in eines der fünf großen Strafgefangenenlager im nationalsozialistischen Deutschland. Sie musste Zwangsarbeit leisten, vor allem in der Rüstungsindustrie. Ein weiterer Ort war die Fabrik „Rondo-Werke Berning & Co“ in Schwelm, ursprünglich ein Waschmaschinenhersteller.

Auch während ihrer Zwangsarbeit blieb Andree dem Widerstand treu. So mischte sie etwa „Lauge in das Sauerkraut, das für Wehrmachtssoldaten an der Ostfront bestimmt war“, erzählt ihre Tochter. Befreit wurde Andree schließlich von der US Armee im Gefängnis Ziegenhain bei Kassel. Sie fand Aufnahme im DP-Camp Kassel-Mattenberg, bevor sie wieder in die Heimat zurückkehrte.

„Jetzt habe ich erstmals klare Angaben“, sagt Moriarty. „Es ist gut, etwas in Händen zu haben. Meine Mutter hat über ihre Erfahrungen kaum gesprochen. Auch mein Vater wusste nicht viel.“ Veale Moriarty war am Ende des Zweiten Weltkrieges als US-Soldat in Frankreich stationiert. „Sie lernten sich 1945 in Paris kennen, heirateten im Juli 1946 und gingen gemeinsam in die USA“, berichtet die Tochter. Das Paar bekam drei Kinder, zwei Mädchen und einen Jungen.

„Frankreich und ihre Familie hat meine Mutter immer sehr vermisst“, erinnert sich Moriarty. „Sie war ein eher trauriger Mensch. Der Krieg hat sie emotional verfolgt.“ Auch äußerlich wurde sie täglich an die Schrecken der Haft erinnert. Da sie von einem Deportationswagen gefallen war und sich ein Bein gebrochen hatte, humpelte sie. Ihre Mutter habe aber keine Klagen zugelassen, auch nicht von den Kindern. Sie sollten dankbar sein, habe sie stets gefordert. „Wenn die Familie den Krieg kennt, kennen ihn auch die Kinder", so Moriarty. Gestorben ist Andree im Oktober 1967 in Jacksonville, Florida.

„Morgen fahre ich zu ihrem Geburtsort“, kündigt Moriarty am Ende ihres Besuchs in Bad Arolsen an. Für den französischen Teil der Familie seien die Informationen über die Haft und Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland völlig neu. „Sie sagten mir, dass es die Geschichte der Familie und ihre Einstellung zu Andree ändern würde, dass sie jetzt alles in einem anderen Licht sähen.“