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Zwei Familien feiern Wiedersehen nach 74 Jahren

Bild zeigt: Menschengruppe bei der Begegnung
Der Bürgermeister der Stadt Mannheim, Peter Kunz, hat Elfride Haas und Günter Ullmann bei ihrer Zusammenkunft begleitet

1938 hatten sie sich das letzte Mal gesehen. Elfriede und Günter waren einst Nachbarn und Sandkastenfreunde in Mannheim. Doch der nationalsozialistische Rassenwahn hatte die beiden auseinander gerissen. Jetzt haben sich die heute 89-Jährigen dank des International Tracing Service (ITS) und des Amerikanischen Roten Kreuzes erstmals wieder gesehen. „Nie hätte ich gedacht, dass dieses Ereignis eintrifft“, sagt Elfriede Haas. „Ich habe zuvor Baldrian genommen, damit ich nicht weinen muss.“

Herzlich umarmen sich die beiden bei der ersten Begegnung im Hotel von Schwäbisch-Hall - dem Ort, in dem Elfriede heute lebt. „Ich habe sie mit zwölf roten Rosen überrascht“, berichtet Günter, der mit seiner Frau und seinem Sohn aus San Francisco angereist ist. Die beiden alten Freunde haben sich viel zu erzählen. Die Lücke von 74 Jahren will geschlossen werden. „Die Begegnung war voller Freude. Wir haben viele Gespräche geführt und Erinnerungen aufgefrischt an diesen außergewöhnlichen neun Tagen“, berichtet Elfriedes Tochter, Doris Finley. Auch Elfriede hat ihre Kinder und Enkelkinder mit eingeladen. Sogar aus Schottland sind sie angereist, um an dem ungewöhnlichen Wiedersehen teil zu haben.

Die Hübners und Ullmanns wohnten in den 1930er Jahren in einem Mietshaus in Mannheim. Zwischen den beiden Familien bestand eine besondere Freundschaft. Die drei Kinder der Familien - Elfriede, Günter (beide Jahrgang 1922) und Walter (1924) - verbrachten viel Zeit miteinander, spielten und lachten gemeinsam. Mit der Machtübernahme der Nazis wurde die Lebenssituation für die jüdischen Familien und damit auch für die Ullmanns immer schwieriger. 

Die Hübners als Nazigegner und einzige Christen im Haus standen ihnen zur Seite.  „Mein Großvater versuchte zu helfen, wo er konnte“, erzählt Elfriedes Tochter. Als der Mob in der Nacht des Novemberpogroms  von 1938 die Häuser mit jüdischen Bewohnern stürmte, warnte Elfriedes Vater seine Nachbarn. Günters Vater konnte daraufhin fliehen und die Familie verstecken. Auf die Frage nach Juden im Haus log Elfriedes Vater. „Ich glaube, er ist der Grund, dass ich heute noch lebe“, sagt Günter Ullmann. Nach der Pogromnacht verließ eine jüdische Familie nach der anderen die Nachbarschaft und wanderte aus. „Sie sendeten Briefe, wenn sie es geschafft hatten“, berichtet Elfriedes Tochter. „Doch von den Ullmanns gab es nie eine Nachricht, so dass sich meine Familie immer Sorgen gemacht hatte.“

Die Ullmanns waren im Dezember 1938 in Bremen an Bord eines Schiffes Richtung Shanghai gereist.  Hier lebten sie zunächst in chaotischen Zuständen - zu viert in einem Zimmer. „Eines nachts bin ich aufgewacht und das ganze Bett war voller Wanzen“, erinnert sich Günter. Nur für kurze Zeit finden sie Arbeit und ziehen in ein kleines Haus mit Garten. Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor und der Verschärfung des Zweiten Weltkrieges werden die Lebensbedingungen härter. Die Juden in Shanghai werden in einem Ghetto zusammen gepfercht. „Das war eine sehr schwere Zeit. Wir waren hungrig und hatten keine Möglichkeit, Geld zu verdienen“, so Günter.

Sein Lichtblick war Ilse, die er im Ghetto kennen lernte und mit der er bis heute verheiratet ist. 1948 dürfen die Ullmanns nach San Francisco auswandern. Günter arbeitete als Reinigungskraft und später als Mechaniker, bis er schließlich ein Restaurant übernehmen konnte. „Heute haben wir drei fantastische Kinder und drei Enkelkinder“, sagt Günter.

Elfriede war nach den Bombenangriffen auf Mannheim im September 1943 aufs Land evakuiert worden in die Nähe von Schwäbisch-Hall. Sie hatte in der Zwischenzeit geheiratet und damit auch ihren Namen von Hübner auf Haas gewechselt. Nach der Rückkehr ihres Mannes aus der Kriegsgefangenschaft zog sie 1952 mit ihm gemeinsam in die Stadt. Die Freundschaft zu den Ullmann-Kindern vergaß sie nie. „Auch nach dem Tod meiner Großeltern fragte sie noch häufig, was wohl aus ihnen geworden sei“, erzählt ihre Tochter. Der Schwiegersohn begibt sich schließlich auf eine jahrelange Suche, will das Schicksal der Ullmanns klären und die alten Freunde wenn möglich wieder zusammen bringen.  

2008 können die beiden Familien mit Hilfe des ITS und des Amerikanischen Roten Kreuzes erstmals wieder in Kontakt treten. Zahlreiche Emails und Telefonate werden zwischen den Kontinenten ausgetauscht. Eine geplante Begegnung 2010 platzt. Nachdem Walter Ullmann im Herbst 2011 stirbt, soll es keinen weiteren Aufschub geben, damit sich zumindest Elfriede und Günter nochmal in die Arme schließen können. „Wir haben gleich da angeknüpft, wo wir damals auseinander gegangen sind“, berichtet Günter. Sie reden, wälzen Fotoalben und spazieren durch die Straßen der Kindheit. Sogar der Bürgermeister der Stadt Mannheim, Peter Kunz, empfängt sie für eine Stunde. „Unvergesslich“, bestätigt Elfriedes Tochter.