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Die langen Schatten der NS-Verbrechen

Bild zeigt: Zwei Schwestern bei der Familienzusammenführung

Familienzusammenführungen auch heute noch

Es gibt viele individuelle Gründe, warum sich Menschen erst nach langer Zeit auf die Suche nach ihren Angehörigen begeben oder begeben können. Aufgrund der fortschreitenden Zeit sind es inzwischen selten Überlebende, die sich an den ITS wenden. In diesen besonderen Fällen ist es vielleicht gerade der Abstand, der die Konfrontation mit der traumatischen Vergangenheit erträglich macht. Die meisten Suchanfragen kommen heute aus den Generationen der Kinder und Enkel. Die Traumata der Überlebenden wirken in ihnen nach. Mehr Wissen hilft dabei, Wurzeln zu finden und die eigene Familiengeschichte besser zu verstehen. Oft konnten oder wollten die Überlebenden nicht über ihre Verfolgung sprechen. Auch kann es zusätzlich um Familiengeheimnisse gehen, zum Beispiel um uneheliche Kinder von Zwangsarbeitern. Nach dem Tod der Eltern- beziehungsweise Großelterngeneration ist es für viele ein tiefes Bedürfnis, sich intensiver mit der Vergangenheit zu beschäftigen und jede Chance zu nutzen, Spuren zu Angehörigen zu finden. Immer erhalten die Anfragenden zudem eine detaillierte Auswertung sowie Kopien der Dokumente aus dem Archiv des ITS.

Es besteht zudem die Möglichkeit, den ITS zu besuchen und sich die betreffenden Dokumente im Original zeigen zu lassen.

Margret Schlenke leitet seit 1976 das Referat Suchdienst und Schicksalsklärung. Im Interview erzählt sie von ihrer Arbeit.

Die Dokumente im Original

  • Bei einem Besuch erklären die Mitarbeiter des ITS die vorab recherchierten Dokumente

    Bei einem Besuch erklären die Mitarbeiter des ITS die vorab recherchierten Dokumente

  • Überlebende und Angehörige von NS-Verfolgten sind herzlich eingeladen, den International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen zu besuchen. Bitte melden Sie sich unbedingt an, damit wir vorab die Dokumente für Sie aus dem Archiv holen können. Außerdem bereiten sich die Mitarbeiterinnen des Besucherdienstes speziell vor, um Ihnen möglichst umfangreiche Informationen geben zu können.  

    Hier finden Sie alles, was Sie über einen Besuch beim ITS wissen müssen.

    • Suche nach Angehörigen

      Eine Tochter kann nach über 70 Jahren ihre Mutter umarmen; Geschwister finden einander und lernen sich kennen; Familien treten in einen regen Austausch über Ländergrenzen hinweg: In ungefähr 30 Fällen pro Jahr gelingt es dem ITS heute noch, Verwandte zusammenzuführen. Das sind bewegende Augenblicke, die das Leben der Familien unter Umständen einschneidend verändern. Der ITS recherchiert dazu nicht nur im eigenen Dokumentenbestand, sondern auch bei Ämtern und anderen Archiven. Vor allem bei der Suche und dem Kontakt mit Menschen im Ausland, arbeitet der ITS eng mit dem Netz der nationalen Suchdienste des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes zusammen. Eine solche Suche kann etliche Monate in Anspruch nehmen. Selbstverständlich wird der Kontakt nur hergestellt, wenn alle Beteiligten dies auch wollen.

      Zu einer bedeutenden Quelle haben sich die Anfragen selbst entwickelt, die an den ITS gerichtet wurden. Insgesamt liegen Briefwechsel zu mehr als drei Millionen NS-Verfolgten vor. Diese Korrespondenzakten umfassen auch die Anschreiben von Familienangehörigen sowie von Behörden, Rentenversicherungen und Hilfsorganisationen. Wenn eine Anfrage beim ITS eingeht, kann also geprüft werden, ob zu der gleichen Person schon von anderer Stelle oder verwandten Personen Informationen gewünscht wurden. Das bietet oftmals entscheidende Hinweise.

    • Dokumente geben Gewissheit

      Durch Verfolgung, Exil und Emigration fehlen in Familien oftmals Dokumente wie Geburts-, Heirats- oder Sterbeurkunden. Die Sucharbeit des ITS umfasst auch die Recherche nach solchen Dokumenten. Es passiert auch, dass die Personensuche zwar keinen Erfolg hat, durch die Anfragen bei Ämtern und Behörden aber wichtige Dokumente gefunden werden. Dies kann viel bedeuten, wenn Menschen beispielsweise ihren Geburtsort bis dahin nicht kannten oder auf diese Weise Klarheit über das genaue Todesdatum von Angehörigen gefunden wird.

    • Ein Ort für die Trauer

      Wenn über Jahrzehnte das Schicksal von Eltern, Geschwistern oder anderen nahen Verwandten nicht geklärt war, kann ein Grabstein das erlösende Ende einer langen Suche sein. In manchen Fällen sprechen Angehörige den ITS direkt darauf an und bitten, eine Grablage zu recherchieren. Ein Besuch am Grab oder – wenn die Wege zu weit sind – Fotos der Grabstelle können dabei helfen, schmerzhafte Leerstellen zu füllen.

    Partner bei der Suche

    Wenn es um die Suche nach vermissten Personen geht, müssen teils in detektivischer Arbeit Lebenswege rekonstruiert und Spuren gesucht werden. Diese Suche erstreckt sich nicht nur auf Deutschland und die europäischen Nachbarländer, sondern reicht häufig auch über Kontinente. Die Zusammenarbeit des International Tracing Service (ITS) und den nationalen Suchdiensten des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes ist dabei oft hilfreich. Seit vielen Jahren gibt es ein bewährtes Netzwerk, so dass die Kommunikation zwischen den Partnern im Interesse der Anfragenden reibungslos und schnell erfolgt.

    Um diese Zusammenarbeit zu pflegen, nehmen Mitarbeiterinnen des ITS an den jährlichen Treffen der „Restoring Family Links” (RFL) Gruppe teil, die vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes und Roten Halbmondes, Genf, organisiert werden. Die RFL-Meetings dienen dazu, das Netzwerk Familienzusammenführung (Family Link Network) auf dem neuesten Stand zu halten und Erfahrungen auszutauschen.

    Zurzeit ist die Zusammenarbeit mit dem Suchdienst der polnischen Rotkreuzgesellschaft besonders intensiv. Seit dem politischen Umbruch in Ostmitteleuropa 1989 beziehen sich viele der Anfragen auf NS-Verfolgte aus Polen.