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Das Bedürfnis, die Schicksale zu kennen

Bild zeigt: Häftlingspersonalkarte mit Foto

Dokumente geben Auskunft über die Verfolgungswege

„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“ Dieser Satz des US-amerikanischen Schriftstellers William Faulkner lässt erahnen, weshalb auch so viele Jahrzehnte nach der Zerschlagung des NS-Regimes Jahr für Jahr tausende von Anfragen beim International Tracing Service (ITS) eingehen. Das erlebte Unrecht sowie die Verfolgung der eigenen Familie sind schwer zu fassen. Um das Andenken an betroffene Familienmitglieder zu wahren, besteht bei den nachfolgenden Generationen der Wunsch, die Schicksale ihrer Vorfahren zu kennen. Anhand der Dokumente im Archiv des ITS lassen sich die konkreten Verfolgungswege oft nachzeichnen. Doch nicht nur Angehörige suchen nach Informationen: Auch heute stammen noch rund drei Prozent der Anfragen von Überlebenden selbst.

Listen und individuelle Unterlagen

In vielen Fällen sind verschiedene Arten von Listen die Basis für die Auskünfte des ITS. Sie stammen zum einen aus der nationalsozialistischen Bürokratie. Akribisch dokumentierten die Täter Deportationen, Einlieferungen, Krankheitsfälle und den Tod in den Konzentrationslagern. Diese Unterlagen sind nicht aus allen Konzentrations- und Zwangsarbeiterlagern erhalten, jedoch wurden große Mengen von Dokumenten nach der Zerstörung des NS-Regimes sichergestellt. Listen haben aber auch die Alliierten angelegt, vor allem als es um die Registrierung, Versorgung, Emigration oder Repatriierung der Displaced Persons (DPs) sowie die Aktivitäten des Child Search Branches nach 1945 ging. Liegen zu einem Verfolgten ausschließlich Listeneinträge vor, geben die Antworten des ITS vor allem Auskunft über Daten, Orte und den Zweck der Liste. Außerdem befinden sich im Archiv des ITS individuelle Unterlagen, also Dokumente über einzelne NS-Verfolgte. Das können zum Beispiel Häftlingskarten, Schutzhaftbefehle der Gestapo oder auch Versicherungskarten von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sein. Zudem existieren aus der frühen Nachkriegszeit individuelle Unterlagen der Alliierten und deren Hilfsorganisationen, zum Beispiel Akten von DPs, die bei der International Refugee Organization (IRO) Anträge auf Unterstützung gestellt haben. Ausgangspunkt aller Recherchen ist die digitalisierte Version der Zentralen Namenkartei des ITS, die Hinweise zu ungefähr 17,5 Millionen NS-Verfolgten und Ermordeten enthält. 

Bild zeigt: Transportliste mit vielen Namen

Neben individuellen Dokumenten gibt es im Archiv des ITS eine große Anzahl von Listen

Tausende von Anfragen

Die Abteilung „Auskunftserteilung zu NS-Verfolgten“ erreichen durchschnittlich circa 10.000 Anfragen pro Jahr. Sie stammen aus über 70 Ländern. In ungefähr 60 Prozent der Fälle kann der ITS mit Auskünften behilflich sein.

Zusätzliche Informationen

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ITS ergänzen die Auskünfte über individuelle Verfolgungswege durch historische Hintergründe: Was war die sogenannte „Organisation Todt“, warum gibt es zu NS-Opfern manchmal unterschiedliche Todesdaten in den Dokumenten der Konzentrationslager oder was bedeuteten Nazi-Begriffe wie die Häftlingskategorie „Asoziale“. Selbstverständlich beantworten sie auch Rückfragen zu den Dokumenten oder geben Hinweise, bei welchen Stellen eventuell eine zusätzliche Recherche sinnvoll sein könnte.

Es besteht zudem die Möglichkeit, den ITS zu besuchen und sich die betreffenden Dokumente im Original zeigen und erklären zu lassen.

Internationales Team

Die ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim ITS und seinen Vorgänger-Institutionen gehörten den Streitkräften oder Hilfsorganisationen der Alliierten an. Aufgrund der vielen Nationalitäten der durch das NS-Regime Verschleppten wurde zudem Unterstützung aus den Reihen der DPs eingestellt, die zum Beispiel als Dolmetscher halfen. Bis heute legt der ITS Wert darauf, dass die Teams der Anfragenbearbeitung international besetzt sind. Neben der Mehrsprachigkeit geht es dabei auch um die Multiperspektivität der Erinnerung sowie nationale Erinnerungsdiskurse.

Die Dokumente im Original

  • Bei einem Besuch erklären die Mitarbeiter des ITS die vorab recherchierten Dokumente

    Bei einem Besuch erklären die Mitarbeiter des ITS die vorab recherchierten Dokumente

  • Überlebende und Angehörige von NS-Verfolgten sind herzlich eingeladen, den International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen zu besuchen. Bitte melden Sie sich unbedingt an, damit wir vorab die Dokumente für Sie aus dem Archiv holen können. Außerdem bereiten sich die Mitarbeiterinnen des Besucherdienstes speziell vor, um Ihnen möglichst umfangreiche Informationen geben zu können.  

    Hier finden Sie alles, was Sie über einen Besuch beim ITS wissen müssen.

    Bild zeigt: Mitarbeiter der Anfragenbearbeitung beim ITS

    Das Team der Anfragenbearbeitung ist international besetzt