a A

Als Widerstandskämpfer verraten

Der Widerstandskämpfer Gustave Oeyen überlebte das Leid im Konzentrationslager Neuengamme. Dass aus dieser Zeit persönliche Gegenstände als Effekten erhalten sind, kam für seinen Sohn Jean-Marie völlig überraschend. Er nahm den Ehering und die Armbanduhr des Vaters beim International Tracing Service (ITS) in Empfang.

„Ich hatte diese Emotionalität nicht erwartet“: Jean-Marie Oeyen aus Belgien hält den Ehering und die Armbanduhr seines Vaters Gustave Oeyen (1914-1974) in den Händen. Die Niederländerin Annelies Sijtsma-Hoezen hatte sie im Online-Archiv ITS entdeckt und nach der Familie gesucht. „Sie schrieb mir und fragte mich, ob ich der Sohn von Gustave Oeyen sei“, erzählt er. „Im ersten Moment konnte ich gar nicht glauben, was sie mir berichtete.“

Spontan entschied er dann, die Erinnerungsstücke persönlich abzuholen und kam im Mai 2017 nach Bad Arolsen. Die Nazis hatten den flämischen Widerstandskämpfer Gustave Oeyen im August 1944 verhaftet und ihm seine persönlichen Gegenstände abgenommen. Sie deportierten den jungen Mann über das Gestapo-Lager Fort Breendonk in das Konzentrationslager Neuengamme – zwei Wochen vor der Geburt seines ersten Kindes. „Meine Mutter hat dem Baby, meiner Schwester,  jeden Tag ein Foto unseres Vaters gezeigt. Damit sie ihn erkennt, wenn er nach Hause kommt“, berichtet der 1947 geborene Jean-Marie Oeyen.

Als Gustave Oeyen am 29. April 1945 von britischen Soldaten in Neuengamme gefunden wurde, wog er noch 39 Kilogramm. Aber er lebte. Nach mehr als zwei Monaten im Krankenhaus konnte er zu seiner Frau und seiner Tochter zurückkehren. Diese Tochter soll nun den Ring und die Uhr bekommen. Mit nach Bad Arolsen reisen wollte sie nicht: „Es wäre zu emotional für sie gewesen.“

Den Mut seines Vaters bewundert Jean-Marie bis heute: „Er hat bei der Eisenbahn gearbeitet und Informationen über Truppenbewegungen der Deutschen weitergegeben, bis er von einem flämischen Kollaborateur verraten wurde. Das hat mein Vater nie verstehen können, dass ihn ein Flame verraten hat.“ 1974 starb Gustave an den langfristigen Folgen von NS-Haft und Misshandlung. „Was zählt sind Taten, nicht nur Worte, das habe ich von ihm gelernt.“

Jean-Marie Oeyen hat neben seiner Frau auch Freunde mit auf die Reise nach Bad Arolsen genommen. Freunde aus Deutschland. Dass sie sich ausgerechnet am 9. Mai, am Europatag, hier getroffen haben war Zufall. Aber ein willkommener Zufall: „Meine Mutter wollte unsere deutschen Freunde nie kennenlernen. Das habe ich verstanden. Mein Vater aber hat niemals Hass gefühlt gegen Deutsche – er ist für mich bis heute ein Vorbild an Toleranz. Ich selbst bin Weltbürger und denke, wir brauchen Austausch und Freundschaft.“