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„Für meine Mutter“

Ein einziges Foto besitzt die Familie noch von Prosper de Rijcke, der am 30. November 1944 in einem Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme starb. Jetzt kam eine Taschenuhr hinzu – eine Effekte, die dem Belgier bei seiner Verhaftung wenige Monate zuvor abgenommen worden war. „Unglaublich, nach all diesen Jahren“, sagte die Enkelin Christine Rijckaert. Gemeinsam mit ihrem Mann Albert Heyrman nahm sie die Uhr am 27. September 2016 beim International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen entgegen.

Anfang der Sechziger Jahre war der Effektenumschlag mit der Uhr zusammen mit zahlreichen anderen persönlichen Gegenständen ehemaliger Häftlinge vom Amt für Restitution in Stadthagen in das Archiv des ITS gelangt. Nun konnte die Familie dank des Online-Archivs mit Namen der Verfolgten und Fotos der persönlichen Gegenstände ausfindig gemacht werden. „Wir konnten es überhaupt nicht fassen, als wir den Anruf wegen der Taschenuhr bekamen“, so die Enkelin.

Prosper De Rijcke soll im Juli 1944, so die innerhalb der Familie erzählte Geschichte, im belgischen Ort De Klinge in einer Gaststätte gefeiert haben. Im Laufe des Abends habe er irgendwann eine deutsche Uniformjacke angezogen und vergessen, sie wieder abzulegen. Als er sich immer noch mit der Jacke bekleidet auf den Heimweg gemacht habe, sei er verhaftet worden. „Meine Mutter war damals neun Jahre alt“, berichtet Christine Rijckaert. „Jeden Sonntag war sie mit ihm auf dem Fahrrad gefahren. Und Prosper soll regelmäßig auf die Taschenuhr geschaut haben, um nicht zu spät nach Hause zu kommen.“

Den Dokumenten im Archiv des ITS zufolge wurde der Belgier zunächst am 8. Juli 1944 in das KZ Herzogenbusch-Vught und von dort ins KZ Sachsenhausen deportiert. Der nächste Inhaftierungsort war das KZ Neuengamme bevor er im Oktober 1944 ins Außenlager Wilhelmshaven kam, wo er nur einen Monat später im Alter von 36 Jahren starb. Die Häftlinge mussten dort täglich zwölf Stunden Schwerstarbeit für die Kriegsmarinewerft leisten. Die Todesrate war hoch.

Viele Jahre habe die Familie nach dem Ermordeten gesucht, erzählt die Enkelin. „Meine Großmutter erfuhr ja nicht, was mit ihm passiert war. Sie konnte nicht wieder heiraten und erhielt auch keine Witwenrente, da er nicht für tot erklärt werden konnte.“ Schon früh mit zwölf Jahren habe ihre Mutter daher mitarbeiten und zum Einkommen beitragen müssen. Die Rückgabe der Taschenuhr sei auch ein Zeichen ihrer kürzlich verstorbenen Mutter. „Sie hatte so sehr an ihrem Vater gehangen. Ich bin mir sicher, das hier passiert für sie.“

Es sei bereits geklärt, wer in den nachfolgenden Generationen das Erinnerungsstück übernimmt. „Wir werden die Taschenuhr gut aufbewahren“, so Rijkaert. „Wir haben sogar einen Uhrmacher in der Familie. Aber ich denke nicht, dass wir sie reparieren werden. Sie ist eine Ehrbezeugung an die Menschen, die nicht zurückkehrten.“