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Bild zeigt: Mitglieder der Jugend-Aliyah
Die erste Jugend-Alijah Gruppe aus Deutschland, unterwegs nach Kibbutz Ein Harod. Foto: zionistarchives.org und Wikimedia, National Photo Collection, serial#-005004, photo code-D842-065

Die Jugend-Aliyah: Aus Nazi-Deutschland nach Palästina, aus dem Holocaust nach Israel

30. Januar 1933 | JAHRESTAGE

Am 30. Januar 1933, quasi parallel zur Machtübergabe an die NSDAP, gründete Recha Freier das „Hilfskomitee für jüdische Jugendliche“. Durch den Zusammenschluss verschiedener Organisationen entstand am 30. Mai 1933 schließlich die Jugend-Aliyah. Recha Freier und Henrietta Szold waren die Motoren dieses einmaligen Rettungswerkes. Ohne diese beiden sehr unterschiedlichen, in ihrer Liebe zur Sache jedoch untrennbar verbundenen Frauen waren die ersten Jahre der Jugend-Aliyah nicht denkbar.

Die 1892 als Recha Schweitzer geborene Freier lebte mit ihrem Mann, Rabbiner Moritz Freier, und ihren vier Kindern seit 1925 in Berlin. Sie definierte sich nicht als Gattin des Rabbiners, die sie war, sondern blieb eigenständig in ihrer Ausbildung als studierte Pädagogin und Volkskundlerin. 1932 wandten sich fünf 16-jährige Jungen, deren Eltern alle aus Osteuropa stammten, an Recha Freier und baten um Hilfe. Ihnen waren ihre Stellen gekündigt worden, und im Gegensatz zur beschwichtigenden Haltung des jüdischen Arbeitsamtes begriff sie den Vorfall nicht als Wirtschafts- und Sozialproblem, sondern als antisemitische Handlung der Arbeitgeber.

Weshalb aber glaubten die Jugendlichen, Recha Freier könne ihnen helfen? Die Tochter, Maayan Landau, erinnerte sich 2003 in einem Gespräch an ihre Mutter als eine Frau „mit dem Kopf in den Wolken oder mit dem Kopf durch die Wand.“ Sie schien, so erinnerte sich auch Nathan Höxter, einer der Jugendlichen, genug Energie, Kreativität und Mut zu haben, zu helfen. Recha Freier wurde aktiv und gründete 1932 zunächst die „Jüdische Jugendhilfe“. Nach der Begegnung mit den arbeitslosen jüdischen Jugendlichen und im Wissen um das zunehmende antisemitische Klima in Deutschland entwickelte Recha Freier die Idee, Jugendliche nach „Erez“ zu bringen. Dort sollten sie, frei und als bewusste Juden, ein neues Leben beginnen und den Zionismus aus der Theorie in die Praxis überführen.

Von allen Seiten bekam sie Gegenwind. Die zionistische Bewegung wollte keine Jugendlichen, sondern ausgebildete Fachkräfte. Von Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft wurde ihr erklärt, die Heimat der deutschen Juden sei schließlich Deutschland, und übereinstimmend wurde immer wieder beteuert, so schlimm sei es mit dem Antisemitismus noch nicht.

Trotzdem stellte sie noch vor 1933 die erste Jugendgruppe zusammen, beschaffte Geld und Zertifikate für die Einreise ins britische Mandatsgebiet Palästina. Siegfried Lehmann, Leiter des Kinderdorfes Ben Shemen, ließ sich auf den Plan von Recha Freier ein und schuf Platz für die ersten zwölf Jugendlichen der späteren Jugend-Aliyah.

Am 30. Mai 1933 entstand die Jugend-Aliyah
Am 30. Januar 1933 ließ sie das „Hilfskomitee für jüdische Jugendliche“ offiziell bei einem Rechtsanwalt eintragen. Durch den Zusammenschluss verschiedener Organisationen entstand am 30. Mai 1933 schließlich die Jugend-Aliyah, die im September 1933 an die neu gegründete Reichsvertretung der Deutschen Juden (ab 1935: Reichsvertretung der Juden in Deutschland, ab 1939 Reichsvereinigung der Juden in Deutschland) angegliedert wurde. Recha Freier wurde dort Vorstandsmitglied der Abteilung „Jüdische Jugendhilfe“. Henrietta Szold, amerikanische Jüdin und Zionistin, wurde im November 1933 Direktorin der Jugend-Aliyah in Jerusalem.

Recha Freier lehnte es ab zu emigrieren, solange sie Juden in Deutschland noch irgendwie helfen konnte. Die drei Söhne und ihr Mann emigrierten nach England. Einer der Söhne reiste 1939 nach Palästina weiter. Die Tochter Maayan blieb bei der Mutter in Deutschland. Als die Gefährdung Recha Freiers immer größer wurde, sie nach Spannungen mit der Reichsvereinigung auf Grund ihrer Hilfe für verhaftete polnische Juden dort ihre Arbeit verlor und ihr Reisepass ungültig gestempelt wurde, floh sie gemeinsam mit ihrer Tochter 1940/41 über Wien nach Zagreb. Nach der deutschen Besetzung flohen sie weiter über Griechenland, die Türkei und Syrien ins damalige Palästina. Im März 1941 erreichten sie Jerusalem.

1954 schlug Albert Einstein Recha Freier – leider vergeblich – für den Friedensnobelpreis vor. 1975 wurde die alte Dame zum Ehrendoktor der Hebräischen Universität ernannt. 1981 erhielt sie in Anerkennung ihrer Verdienste den Israel-Preis. Drei Jahre später starb Recha Freier in Jerusalem.

Das Programm: Palästinakunde und Landwirtschaft
In so genannten Hachschara-Zentren wurden die 14- bis 17-jährigen jüdischen Jugendlichen, die sich in die Jugend-Aliyah einschrieben, um Deutschland Richtung Palästina zu verlassen, auf ihr dortiges Leben vorbereitet. Das Gut Rüdnitz an der Bahnlinie Berlin - Eberswalde war das erste Vorbereitungszentrum. Es folgten unter andrem Ahrensdorf bei Trebbin, Schiebinchen (Sommerfeld/Niederlausitz), Polenzwerder bei Eberswalde, Gut Winkel bei Fürstenwalde, Kibbuz Rissen bei Hamburg, Kibbuz Jägerlust bei Flensburg, Gehringshof bei Fulda. Hinzu kamen Jugend-Aliyah-Schulen in Köln und Berlin.

Der Unterricht umfasste Hebräisch, zionistische Geschichte, Geschichte des Judentums, Palästinakunde – von den Jugendlichen PalKu genannt – und die freie Aussprache in der Gruppe über alle Belange des Lebens. Nach vier Wochen Hachschara wurden die Mädchen und Jungen auf ihre Eignung für die Jugend-Aliyah geprüft und – so war die Hoffnung – „bestätigt“. Daraufhin orderte die Jugend-Aliyah „Zertifikate“ zur Einwanderung nach Palästina. Die Jugendlichen wurden in Gruppen formiert und blieben zwei Jahre lang in einem Kibbuz zusammen. Danach blieben sie entweder dort, gründeten neue Siedlungen oder verließen die Jugend-Aliyah.

Im Mai 1938 wurde die Jugend-Aliyah auf Österreich, im Herbst 1938 auf die Sudetengebiete und im März 1939 auf das Gebiet der restlichen Tschechoslowakei ausgedehnt und es entstanden zudem Zentren in Polen und anderen Ländern. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges durften aber auch Kinder und Jugendliche nicht mehr direkt ins britische Mandatsgebiet einwandern. Sie waren „feindliche Ausländer“. Die Jugend-Aliyah versuchte nun, Kinder in neutralen oder freien Ländern wie Dänemark und Schweden oder in Holland, Großbritannien und Italien unterzubringen. Zwischen 1938 und 1945 wurde die Jugend-Aliyah immer mehr zu einer sozialen Einrichtung und Fluchthilfeorganisation.

Das Motto war nun, so viele Kinder und Jugendliche wie möglich noch zu retten. Dies gelang sogar noch während des Krieges. Im Februar 1943 trafen die so genannten „Teheran-Kinder“ in Palästina ein. Sie waren, gemeinsam mit Eltern und Verwandten, 1939 vor den Deutschen aus Polen Richtung Osten geflohen. In der Sowjetunion waren diese Flüchtlinge zunächst nach Sibirien verbannt worden; schließlich durften sie nach Zentralasien reisen, von wo aus es weiter nach Teheran ging. Am 18. Februar 1943 erreichten 369 Erwachsene und 861 Kinder Palästina. 719 der Kinder waren Waisen. Die Jugend-Aliyah engagierte sogar einen Psychologen, der sich um die teils schwer traumatisierten Kinder kümmerte, die auf verschiedene Kibbuzim verteilt wurden.

Bis 1945 konnten rund 10.000 Kinder gerettet werden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges betreute die Jugend-Aliyah Tausende jüdischer Kinder, die den Holocaust überlebt hatten. Die meisten von ihnen waren – wie übrigens auch die Kinder aus beispielsweise Deutschland und Österreich, die bis 1941 nach Palästina gelangt waren – Waisen.

„Wir merkten, dass wir unsere Erinnerungen nicht so leicht abwerfen konnten wie die Lumpen, die wir trugen, als wir hier ankamen. Wir erfuhren, dass Verdrängung nicht zum Frieden der Seele führt. … Als wir einmal genügend innere Kraft erworben hatten, um das Vergangene wieder heraufzuholen, da waren wir auch imstande, unsere Erinnerungen als Teil unseres neuen Ich anzunehmen. Und so wurden wir mit der Zeit wieder heil.“ (Ben-Zion Tomer, in: Chasya Pincus, Von den vier Enden der Erde, Zürich 1971, S. 75)

Die Jugend-Aliyah heute
Auch heute existiert die Jugend-Aliyah noch – auch mit einem Büro in Deutschland – und betreut in Israel mehr als 14.000 Kinder im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren. Ziel dieser Organisation ist es, diese teils durch Verlust und Gewalt traumatisierten Kinder in Liebe und Zuneigung zu Werten zu erziehen und ihnen einen geregelten Alltag zu ermöglichen, der ihre Talente sich entfalten lässt.

Dokumente im Archiv des ITS
Der ITS verfügt über Korrespondenzakten von Kindern, die nach 1945 mit der Jugend-Aliyah nach Israel kamen. Außerdem über die Listen der „Teheran-Kinder“ und der 1944 ebenfalls geretteten „Transnistrien-Kinder“ aus Rumänien sowie Listen und Unterlagen aus Jugend-Aliyah-Heimen nach 1945.

Foto: zionistarchives.org und Wikimedia, National Photo Collection, serial#-005004, photo code-D842-065