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Antworten auf hochaktuelle Fragen zu Migration

Wichtiges Wissen für die heutige Gesellschaft auf der Basis von Akten über Auswanderung nach 1945: Professor Christoph Rass von der Universität Osnabrück nutzt mit seiner Arbeitsgruppe das ITS Online Archiv und bindet die dort veröffentlichten Fragebögen, die Überlebende aus Konzentrationslagern und Zwangsarbeit beantworten musste, auch in seine Seminare ein. Auf Basis dieser Bögen wurde entschieden, ob die Menschen durch das Care and Maintenance Programm der IRO unterstützt wurden. Dabei gibt es durchaus Parallelen zum Umgang mit Flüchtlingen heute, berichtet Christoph Rass im Interview.

Könnten Sie in ein paar Sätzen Ihr Projekt erklären?

Wir nutzen die Akten der International Refugee Organization (IRO) aus der Sicht der Historischen Migrationsforschung. Es handelt sich um einen Kernbestand, wenn man Folgewanderungen gewaltindizierter Mobilität verstehen will – also die Migration von Menschen, die gewaltsam aus ihren Lebenskonzepten herausgerissen wurden. Wir stellen anders akzentuierte Fragen an diese Dokumente als die klassische Forschung zu Displaced Persons (DPs) oder die Opferforschung. Als Quellen zur Aushandlung von Mobilitäts- bzw. Migrationschancen nach einem Gewaltereignis – etwa um die Strukturen und Dynamiken von Resettlement-Prozessen zu verstehen - sind die Akten bislang kaum genutzt worden; im Grunde handelt es sich um historische Vorläufer ganz aktueller Fragen. Dabei arbeiten wir stets mit großen Stichproben aus den Akten, um nicht nur Einzelfälle, sondern auch Strukturen und Entwicklungen erforschen zu können.

Was genau ist daran so aktuell?

Die Verfahren der IRO bei Registrierung, Fallentscheidung und Resettlement von damals ähneln an vielen Stellen auch heute gebräuchlichen Verfahren, die sich teils aus diesen Erfahrungen entwickelt haben. Nehmen Sie etwa die aktuelle Bamf-Affäre, im Prinzip unterscheiden sich die Szenarien nur wenig. Damals war zu prüfen, ob Menschen einen Anspruch auf Anerkennung als Displaced Person und Leistungen aus dem Care and Maintenance Programm nach dem Statut der IRO geltend machen konnten. Sachbearbeiter sprachen mit ihnen, dokumentierten den Fall und trafen Entscheidungen – heute findet Ähnliches nicht nur in den Relocation-Programmen der Europäischen Union statt, auch die Anerkennung von Flüchtlingen verläuft nach ganz ähnlichen Mustern. Aus historischen Fallbeispielen lässt sich also manches über solche Institutionen und Prozesse lernen. Die Fragebögen im Archiv des ITS dokumentieren einen solchen Aushandlungsprozess. Wir können diesen anhand der Akten Fall für Fall dokumentieren und daraus Prozessmodelle rekonstruieren. Ergänzend können andere Quellen aus dem ITS-Archiv oder anderen Archiven herangezogen werden, wenn es zum Beispiel um die Migrationsgesetzgebung der Länder geht, die DPs aufgenommen haben, oder darum, die Biografien von Menschen weiter zu erforschen, die damals als Displaced Persons bezeichnet wurden. Uns geht es einmal um Forschung zu diesem Aspekt der Migrationsgeschichte, dann aber auch um Lernprozesse aus diesen Erkenntnissen, die uns helfen, unsere Gegenwart besser zu verstehen und zu gestalten.  

Hat Ihre Forschung einen direkten Nutzen für die heutige Gesellschaft?

Ja, wir können daraus lernen, diese Art von Prozess besser zu verstehen. Ein Beispiel dazu: DPs hatten damals gewisse Möglichkeiten mitzusprechen. Sie konnten beispielsweise Wünsche zu ihren Wanderungszielen im Resettlement-Prozess äußern und Strategien finden, um diese zu realisieren. Mitsprache erhöht die Akzeptanz für ein solches System. Ganz anders war es etwa beim Relocation-Programm der EU von 2016, das man als gescheitert bezeichnen muss. Die Migranten hatten dort keine Möglichkeit, ihre Wünsche zu äußern. Sie wurden nicht in solche Entscheidungen einbezogen, sondern mussten sich registrieren lassen und dann das Wo ihres Neuanfangs hinnehmen. Das könnte dazu beigetragen zu haben, dass das Programm wenig Akzeptanz gefunden hat. Die DPs nach dem Zweiten Weltkrieg hatten keine großen Gestaltungsmöglichkeiten, aber ihre Zukunftsvorstellungen wurden abgefragt, vielfach berücksichtigt und es gab Spielräume um die Verfahren – natürlich in engen Grenzen – zu beeinflussen. 

Das ist interessant. Haben Sie noch ein Beispiel für die aktuelle Relevanz dieser Akten?

Man kann auch lernen, dass es heute dasselbe Dilemma gibt wie damals: DPs wurden nach Nützlichkeit vermittelt. Die Aufnahmeländer haben junge Menschen lieber genommen als alte. Kranke wurden abgelehnt. Alleinstehende Mütter mit Kindern hatten zunächst praktisch kaum eine Chance in Resettlement-Programme aufgenommen zu werden. Zurück blieb ein so genannter „hard-core“ von DPs, die niemand haben wollte – eben die am stärksten vulnerablen Gruppen. Auch heute wird die Flüchtlingsfrage an vielen Stellen praktisch als Arbeitsmarktfrage behandelt. Viele Länder möchten nur solche Flüchtlinge aufnehmen, die voraussichtlich „nützlich“ sind. Das wirft die Frage auf, was wir mit denen machen, die nicht „nützlich“ sind. Auch unter solchen Perspektiven lassen sich die Akten der IRO auswerten. Was wichtig dabei ist: Wir sind nicht auf die Selbstdarstellung der mit der Durchführung des Resettlement betrauten Institutionen reduziert, sondern können deren Praxis auf der Basis der Fallakten analysieren.

Wie profitieren Sie von der nun erfolgten Online-Stellung der Dokumente?

Vorab möchte ich sagen: Wir bieten seit einiger Zeit Lehrveranstaltungen mit dem ITS zum Thema DP-Wanderung an. Die Erschließung der Akten ist sehr gut. Und die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dem ITS ist herausragend und sehr konstruktiv. Wir finden in den Dokumenten aber auch für unsere Forschungsprojekte eine große empirische Basis, die ausgesprochen potenzialreich für die Wissenschaft ist. Wenn die Akten nun über das Online-Archiv verfügbar sind, erleichtert das unsere Arbeit noch einmal erheblich. Das gilt sowohl für die Lehre an der Universität – mit dem Online Archiv entstehen niedrigschwellig Forschungsmöglichkeiten für Studierende – als auch für die Forschung, gerade wenn man wie wir stets mit größeren Datenmengen bzw. Fallzahlen arbeitet. Wir haben also aus guten Gründen großes Interesse an den neuen Möglichkeiten des ITS Online-Archivs.  Hilfreich könnte es vielleicht sein, für die Wissenschaft zusätzlich eine Schnittstelle mit differenzierteren Recherchemöglichkeiten anzubieten, da wir ja spezielle Fragen stellen und so leichter entsprechende Stichproben bilden könnten. Für uns ist es interessant, den Bestand nach einzelnen Merkmalen zu durchsuchen. Je genauer wir filtern können, desto besser ist es für unsere Forschungsfragen.