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Drei Versionen vom Schicksal der Großmutter

Die Nationalsozialisten haben ihre Verbrechen akribisch dokumentiert. Dennoch blieb nur ein Bruchteil der Unterlagen erhalten, zum Beispiel weil sie im Krieg zerstört oder kurz vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands gezielt vernichtet wurden. Von vielen Menschen gibt es deshalb keine Spur, keinen Hinweis auf ihr Schicksal. Für Angehörige kann diese Ungewissheit sehr belastend sein. So auch für Shmuel Alter, der hoffte beim International Tracing Service (ITS), Hinweise auf das Schicksal seiner Großmutter zu finden.

Teile seiner Familie, darunter seine Großmutter Sprinza Alter, lebten vor dem Anschluss an das Deutsche Reich in Danzig. Ab dem 1. September 1939 begann für die Juden dort die Verfolgung, Deportation und Ermordung. Shmuel Alters Vater verlor den Kontakt zu seiner Familie. Er erfuhr nie, was mit ihnen geschah. Allein zum Schicksal von Shmuels Großmutter Sprinza Alter gibt es mehrere Versionen: laut dem Gedenkblatt in Yad Vashem, das ein Onkel ausgefüllt hat, ist Sprinza bei einer Straßenrazzia in Danzig 1941 erschossen worden. Einer anderen Information zufolge, wurde sie mit dem Großvater in das Ghetto Warschau deportiert. Belege gab es für keine der Versionen.

Shmuel Alter will unbedingt die Wahrheit über die Ermordung seiner Großmutter herausfinden. „Früher konnte ich das ganz gut ausblenden. Aber seit ich selber ein alter Mann bin, lässt mich ihr Schicksal nicht los!“ Er kontaktierte Archive, Gedenkstätten und Forscher in Israel, Polen und Deutschland. Doch alles ohne Erfolg. 

Eine neue Spur fand er im Gedenkbuch „Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933 – 1945“ des Bundesarchivs. Demnach ist Sprinza Alter aus Danzig, geboren am 01. Mai 1883,  am 06. Dezember 1941 von Hamburg in ein Außenlager des Ghettos Riga deportiert worden. 

Diese Information führte Shmuel Alter mit seinem Sohn Doron im Februar 2019 zum ITS. Man hatte ihm gesagt, dass hier die Originalakten liegen müssten, auf denen das Gedenkbuch basiert. Doch auf der Transportliste der Deportation vom 6. Dezember 1941 von Hamburg nach Riga taucht der Name seiner Großmutter nicht auf. Shmuel Alter erlebte die nächste Enttäuschung: „Jetzt habe ich drei Versionen, was meiner Großmutter passiert sein könnte. Aber vielleicht ist keine von ihnen die richtige“ 

Doch Kerstin Hofmann vom ITS recherchierte weiter und fand einen neuen Hinweis: Bei einem Halt des Deportationszuges nach Riga am 7. Dezember in Danzig mussten 27 Jüdinnen und Juden zusteigen. Eine entsprechende Liste der Synagogengemeinde Danzig mit 27 Namen fand sich beim Bundesarchiv. Unter dem Vermerk „Am 7. Dezember 1941 wurden umgesiedelt“ findet sich Sprinza Alters Name. Shmuel Alter hat nun endlich einen belastbaren Hinweis auf das Schicksal seiner Großmutter – von fünf weiteren Verwandten fehlt dagegen weiterhin jede Spur.