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„Je mehr man sucht, desto mehr findet man“

Ildikó Barna, promovierte Soziologin und Privatdozentin an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Eötvös Loránd University in Budapest, hat zwischen Oktober und November 2017 für vier Wochen als EHRI-Stipendiatin beim International Tracing Service (ITS) geforscht.

Womit genau haben Sie sich hier im Archiv beschäftigt?

Ich habe meine Recherchen über jüdische Displaced Persons (DPs) aus Ungarn fortgesetzt, um mit quantitativen Methoden der Sozialforschung die Archivdokumente auszuwerten. Überwiegend arbeite ich mit den Akten des Care and Maintenance Programms der International Refugee Organization (IRO) aus Deutschland und Italien. Die Menschen in den DP-Camps mussten Fragebögen ausfüllen, um Unterstützung zu erhalten. Diese Akten aus Deutschland und Italien sind über Namen hinaus indiziert, so dass ich die Daten nach Nationalität und Religion filtern kann und die Informationen finde, die ich brauche. Ich habe keine Namen, ich suche alle, die jüdisch und ungarisch sind.

Welche Informationen können Sie aus den Daten ziehen?

Die Daten sind eine Basis, um herauszuarbeiten, ob es zum Beispiel in den verschiedenen Altersgruppen Unterschiede bei den Emigrationszielen gibt oder wie der Anteil Männern und Frauen bei den DPs war. Die CM/1-Akten sind nicht wie soziologische Fragebögen, aber es sind Fragebögen, die sich sehr gut auswerten lassen. Sie sind aber zugleich viel mehr, weil die Menschen von ihrer Verfolgung und von ihren Familien berichten. Deshalb kam ich schnell zu der Entscheidung, auch hinter die Zahlen zu schauen. Zahlen bieten einen Zugang über Statistik, sind aber nicht genug, denn es geht um Leben.

Sie werden also auch auf einzelne Biografien eingehen?

Ja, ich bereite Fallstudien vor. Zum Beispiel habe ich eine Familie mit vielen Kindern gefunden, die überlebten, weil sie in dem sogenannten Strasshof-Transport waren. Einige tausend Männer, Frauen und Kinder wurden nicht nach Auschwitz deportiert, sondern zunächst in das Durchgangslager nahe Wien, weil Eichmann große Summen Geld vom jüdischen Rettungskomitee in Budapest erpresst hatte. „Ware für Blut, Blut für Ware“ nannte er das. Der Vater dieser Familie starb im KZ Mauthausen, zehn Tage vor der Befreiung. Die Kinder wurden später wieder mit der Mutter zusammengeführt und emigrierten nach Amaerica. In den Korrespondenzakten des ITS liegen auch Anfragen von Mitgliedern dieser Familie vor.

Wann haben Sie zum ersten Mal mit Dokumenten aus dem Archiv des ITS gearbeitet?

2014 hatte ich das Glück, beim United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington an einem Workshop über den ITS teilzunehmen. Da habe ich mich regelrecht in das Archiv verliebt. 2015 habe ich dann als Stipendiatin beim USHMM angefangen, für mein Projekt über ungarisch-jüdische DPs zu recherchieren. Ich habe danach auch an der Wiener Library mit den ITS-Beständen gearbeitet und auch in Polen. Ich bin immer überwältigt von den interessanten Dokumenten. 

Wann und wie werden Sie Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichen?

Ich bin bereits einen PhD und habilitiert, aber um in Ungarn ordentlicher Professor zu werden, ist es praktisch obligatorisch, einen Doktortitel der ungarischen Akademie der Wissenschaften zu haben. Dafür muss man eine weitere wissenschaftliche Arbeit vorlegen. Es wird noch drei oder vier Jahre dauern, bis ich fertig bin. Im Moment schreibe ich zunächst Fachartikel und einzelne Buchkapitel. In Bad Arolsen habe ich über ungarische DPs in italienischen Lagern gearbeitet, vor allem in Apulien. Insgesamt werde ich mir circa 2.000 CM/1-Akten anschauen, die sich auf circa 5.000 bis 6.000 Personen beziehen. Das sind sehr große Datenmengen, deshalb mache ich einen Schritt nach dem anderen. Außerdem beschäftige ich mich parallel mit anderen Projekten, zum Beispiel über Antisemitismus heute und über das Judentum in Ungarn.

War es schwierig, das Stipendium der European Holocaust Research Infrastructure (EHRI) zu erhalten?

Nein, es war ein ganz normales Bewerbungsverfahren. EHRI hat es mir dann ermöglicht, vier Wochen in Bad Arolsen und zwei Wochen in London bei der Wiener Library zu forschen. Ich habe auch ein dreijähriges Stipendium von der ungarischen Akademie der Wissenschaften erhalten. Für alle Stipendien bin ich sehr dankbar, nur so ist eine solche Forschungsarbeit möglich. Die Zeit beim ITS war großartig, weil ich tief eintauchen konnte. Eine Woche in diesem Archiv ist viel zu wenig. Denn je mehr man sucht, desto mehr findet man.

Ildikó Barna hat einen Artikel über ihr Projekt im Jahrbuch 2017 des ITS veröffentlicht: „Interdisciplinary analysis of Hungarian Jewish Displaced Persons and Children using the ITS Digital Archives“.