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„Klempner“ nicht Musiker

Der Jazzgitarrist Coco Schumann ist am 28. Januar 2018 gestorben. Er wurde 93 Jahre alt. Erst spät sprach der als Heinz Jacob Schumann geborene Berliner über seine Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Im Archiv des International Tracing Service (ITS) gibt es eine Reihe von Dokumenten über sein Schicksal.

Noch nicht volljährig hatte er in Szenekneipen zunächst als Schlagzeuger gespielt. Er liebte den Swing und das Nachtleben. Da seine Mutter Hedwig Jüdin war, musste er als sogenannter „Geltungsjude“ den „Judenstern“ tragen. Ohne „Ariernachweis“ war es ihm zudem verboten, Mitglied in der Reichskulturkammer zu werden und als Musiker zu arbeiten. Coco (Spitzname für Jacob) Schumann trat dennoch auf, wurde denunziert und am 22. März 1943 von den Nationalsozialisten verhaftet.

Das frühste Dokument im Archiv des ITS ist seine Karteikarte der Reichsvereinigung der Juden, auf der er bis 1938 als Schüler erfasst worden war. Spätere Dokumente zeigen seinen langen Leidensweg durch NS-Haftanstalten, das Ghetto Theresienstadt und durch verschiedene Konzentrationslager. Aus dem NS-Gefängnis Berlin-Moabit wurde er zunächst in das Zuchthaus Görden in Brandenburg eingeliefert. Von dort folgte am 15. November 1943 die Deportation in das Ghetto Theresienstadt, wo Coco Schumann bei den „Ghetto-Swingers“ Schlagzeug und später Gitarre spielte. In einem zu Propagandazwecken von den Nazis gedrehten Dokumentarfilm über Theresienstadt ist er in einer kurzen Szene als Musiker zu sehen.

Laut den NS-Verwaltungsakten ist der 28. September 1944 der Tag seiner Einlieferung in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Coco Schumann berichtete in Interviews, dass er von einem Lagerkapo erkannt und dem Männerorchester zugeteilt wurde. Das rettete ihm das Leben. Als die sowjetischen Truppen im Oktober 1944 näher rückten, „evakuierten“ die Deutschen die Orchestermitglieder und andere transportfähige Häftling ins Innere des Reiches. Über das Konzentrationslager Sachsenhausen kam Coco Schumann am 17. November 1944 nach Dachau. Erhalten ist von dort sein Häftlingspersonalbogen mit seiner Unterschrift „Schumann Heinz“. Als Beruf hatte er „Klempner“ angegeben. Notiert ist auch, dass ihm zwei Zähne fehlten.

Als nächstes verfrachtete ihn die SS in das Außenlager Kaufering, wo die Häftlinge Produktionsbunker für die Rüstungsindustrie bauen und in Erdhütten schlafen mussten. Coco Schumann berichtete über seine Befreiung durch die Amerikaner. Knapp hatte er die Strapazen eines „Todesmarsches“ und eine Fleckfieber-Infektion überlebt. Im Juli 1945 kehrte er zurück nach Berlin und traf dort seine Familie wieder. Er wurde als Jazzgitarrist bekannt und trat bis vor wenigen Jahren mit dem von ihm gegründeten „Coco Schumann Quartett“ auf.