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„Meine Enkel sollen wissen, woher sie kommen!“

Die Amerikanerin Patricia Donahue reiste im November 2016 mit ihrer Schwester und ihrer Kusine zum ITS. Sie suchten Informationen über ihre Großeltern, die ab 1943 in Süddeutschland Zwangsarbeit leisten mussten, und deren sechs Kinder. Über die Vergangenheit wurde in der Familie nie geredet.

„Sie konnten nie Kinder sein“, weiß Patricia Donahue über die frühen Jahre im Leben ihrer Mutter und deren Geschwister. Sechs Jahre alt war ihre Mutter Emma Jaszukow, als der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands zu Ende ging. Sie war die Zweitjüngste von insgesamt sechs Geschwistern. Ihre Eltern hatten laut Dokumenten im Archiv des International Tracing Service (ITS) von 1943 bis 1945 im Metallwerk Creussen Carl Tabel Zwangsarbeit leisten müssen. Der Vater war Dreher. Die Familie stammte aus Papowka in Weißrussland. Patricia Donahue weiß, dass ihr Großvater den Kommunismus ablehnte. Möglich ist, dass die Familie freiwillig Richtung Westen ging und dann in das Räderwerk der Zwangsarbeit für das NS-Regime geriet. Wann die Kinder nach Deutschland kamen, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Ihre Namen tauchen erstmals auf Dokumenten der Alliierten aus der Zeit nach 1945 auf.

Nach der Befreiung durch die Amerikaner folgte für die Familie eine Odyssee durch verschiedene Displaced Person Camps (DP-Camps) in Bayern. Davon zeugen eine große Anzahl von DP-Registrierungskarten im ITS-Archiv, die den drei Besucherinnen viele neue Informationen gaben. Die erste Station war das große Lager in Wildflecken bei Bad Brückenau, wo zeitweise bis zu 17.000 überwiegend polnische DPs unter schlechten Bedingungen lebten. Es folgten weitere Stationen, darunter Osterhofen und Rosenheim, bis die Familie als „heimatlose Ausländer“ nach Erlangen kam. Den älteren Geschwistern war es im Verlauf der späten 1940er Jahre gelungen, nach Australien und nach Amerika zu emigrieren. Übrig blieben Emma, ihre jüngere Schwester Jadwiga und die Eltern. Die 1942 geborene Jadwiga hatte Tuberkulose und war in einem schlechten gesundheitlichen Zustand, auch das zeigen die Akten im ITS-Archiv. Die Erkrankungen waren vermutlich der Grund, dass kein Land die Jaszukows aufnahm.

Patricia Donahues Mutter Emma verliebte sich in den späten 1950er Jahren in Erlangen in Richard Webb, der beim amerikanischen Militär war, und heiratete ihn. Für seine Frau ließ er sich immer wieder in Deutschland stationieren, so dass ihre Töchter in beiden Ländern aufwuchsen. Im November 2016 kamen die Schwestern mit ihrer Kusine Zora zum ITS. Die drei Amerikanerinnen waren auf dem Weg zu ihrer Tante Jadwiga nach Erlangen. „Wir feiern ihren Geburtstag und werden ihr die Dokumente zeigen, die wir hier bekommen haben“, so Patricia Donahue. „Jadwiga selbst weiß nichts über die Geschichte der Familie. Weil sie so jung war, kann sie sich an nichts erinnern. Alle anderen sind schon gestorben.“ Die drei Frauen berichten von einem Gefühl der Heimatlosigkeit, das sie verbindet. Sie hätten kaum Informationen aus der Vergangenheit der Familie, so dass sie für jedes neue Detail extrem dankbar seien. „Meine Enkel sollen wissen, woher sie kommen“, beschreibt Patricia Donahue das Ziel ihrer Suche.