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Mit neuem Namen im neuen Land

"Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viel es mir bedeutet, diesen Stift zu haben.“ Yaron Roksa ist bewegt, als ihm die Direktorin des International Tracing Service (ITS), Floriane Azoulay, den Tintenkuli seines Vaters István Rokza überreicht. Der Stift wurde dem damals 16-Jährigen im September 1944 bei seiner Ankunft im KZ Neuengamme abgenommen. Mit Hilfe der Journalistin Renee Ghert-Zand konnte der ITS im Rahmen des Projektes #StolenMemory die Familie in Israel ausfindig machen.

István Rokza wurde in Budapest geboren und als ungarischer Jude im Mai 1944 von den Nationalsozialisten deportiert. Zunächst musste er in einem ungarischen Lager Zwangsarbeit leisten, bevor er nach Neuengamme deportiert wurde. „Meinem Vater fehlten die Finger der rechten Hand. Er hat erzählt, dass er sie verloren hat, weil er in eine Säge gestoßen wurde, als er gezwungen wurde, in einer Schreinerei zu arbeiten.“

Ansonsten weigerte sich der Vater, der eigentlich ein großer Geschichtenerzähler war, über seine Erlebnisse während des Krieges zu sprechen. Yaron Roksa kannte seinen Vater nur als „Yosef“. Erst aus den Kopien der beim ITS bewahrten Dokumente erfährt Yaron Roksa den Geburtsnamen seines Vaters, sowie die Namen seiner Großeltern Hedwig Miriam und Anton Shlomo.

Dass sich István Rokza nach seiner Emigration Yosef Roksa nennt, erschwerte die Suche. Von Neuengamme kam er nach Bergen-Belsen, wo er am 15. April 1945 von den Alliierten befreit wurde. Drei Monate später konnte er das dort für überlebende Häftlinge errichtete Krankenhaus verlassen. Er lebte einige Jahre in Schweden, hatte aber andere Pläne für sein Leben: Im Juni 1949 lässt sich István Rokza im Beit Bialik DP Camp in Salzburg, einem Transitlager für Emigranten auf ihrem Weg nach Israel, zum Landwirt ausbilden. Die letzte Spur, die sich im ITS-Archiv von ihm fand, ist die Aktennotiz einer Internationalen Flüchtlingsorganisation aus Österreich aus dem Jahr 1949, dass die Unterstützung für István Rokza eingestellt wird. Grund: „ISR“ – ein Hinweis, dass István Rokza tatsächlich nach Israel auswanderte.

„Ich war geschockt, als Sie anriefen“ erzählt Yaron Roksa. Doch nun freut er sich, die Informationen über seinen Vater mit seiner neunzigjährigen Mutter Sarah, einer Holocaustüberlebenden aus Rumänien, und dem Rest der Familie zu teilen. István Yosef Rokza hat fünf Kinder und bis heute 19 Enkel und 23 Urenkel. Vielleicht wächst die Familie noch weiter: Yaron Roksa hat den ITS gebeten, nach Istváns Bruder Gyorgy und dessen Nachkommen zu suchen…

Der Stift wird dem einundzwanzigjährigen Enkelsohn Ravid Kabilo, der ebenfalls bei der Übergabe dabei war, zur Aufbewahrung anvertraut. Er möchte den Stift rahmen und an die Wand hängen, so dass die Erinnerung an das Schicksal seines Großvaters für künftige Generationen wachgehalten wird.