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„Nichts aus der Zeit vor und während der Shoah“

René Manu kontaktierte im März 1998 den International Tracing Service (ITS) mit dem Wunsch, die Dokumente über die Verfolgung seines Vaters einsehen zu können. Daniel Manu und seine Familie waren von den Nationalsozialisten aus Thessaloniki in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt worden – er überlebte als Einziger. Zwar erhielt René Manu eine Aufstellung über den Verfolgungsweg sowie über die Krankenhausaufenthalte nach der Befreiung. Doch die Akteneinsicht verwehrte man ihm, da sie nicht im Einklang mit dem damaligen Mandat stünde. Bei seiner zweiten Anfrage, 17 Jahre später, hatte sich der ITS durch die Archivöffnung stark verändert. René Manu schildert, warum ihm die Dokumente so wichtig sind und auch der Besuch im Archiv eine große Bedeutung für ihn hatte.

Sie haben erstmals beim ITS zu einer Zeit angefragt, in der Dokumente im Original nicht eingesehen werden durften und keine Kopien von Dokumenten versandt wurden. Wie wichtig sind diese Kopien für Sie?

Aus zwei Gründen sind die Kopien für mich sehr wichtig: Erstens gibt es keine Dokumente, keine Fotos, kein Kleidungsstück, kein Spielzeug, rein gar nichts aus der Zeit vor und während der Shoah. Mein Vater hat als einziges Mitglied einer großen Familie überlebt, aber alles aus seinem vorherigen Leben verloren.

Insofern haben besonders die drei Kopien aus der Zeit der KZ-Haft meines Vaters – die Auszüge aus den Zugangslisten des KZ Auschwitz, dem Röntgenbefund-Buch des Häftlings-Krankenbaus des KZ Auschwitz und dem Nummernbuch des KZ Flossenbürg – eine ganz besondere Bedeutung für mich. Dies sind die einzigen drei Dokumente seiner gesamten Lebensperiode vor seiner Befreiung. Zweitens ist es ein enormer emotionaler Unterschied, sich über Bücher und Filme, Ausstellungen und Gedenkstätten Wissen über die Shoah anzueignen – oder plötzlich reale Dokumente darüber in Händen zu halten. Das hat eine ganz andere Intensität, die Geschichte rückt schlagartig näher, wird sichtbar, greifbar, direkt, familiär, persönlich.

Wie haben Sie den zweiten Kontakt zum ITS erlebt?

Den zweiten Kontakt zum ITS habe ich als sehr gut empfunden. Auf meinen Antrag auf Akteneinsicht wurde schnell mit einem positiven Bescheid reagiert. Der ITS zeigte sich bei der Vorbereitung sehr flexibel, ich erhielt sogar den von mir gewünschten Besuchstag und die gewünschte Besuchszeit. Und auf meine Nachfrage, ob es möglich sei, vor Ort Dokumente zu fotokopieren, erhielt ich die Antwort, dass ich beim Besuch Fotokopien aller vorhandenen Dokumente erhalten werde.

Während meines Besuchs wurde ich von einer Mitarbeiterin souverän betreut, sie zeigte einen stimmigen Mix aus Professionalität und Empathie. Ich hatte das Gefühl, dass individuell auf mich, meine Bedürfnisse und Befindlichkeiten eingegangen wird. Man ließ mir die Zeit, die ich brauchte, und die Pause, die ich brauchte.

Anschließend fragte mich die Mitarbeiterin, ob ich einen Blick in das Archiv des Hauses werfen möchte. Ich wollte! Das war ein einzigartiges, sehr intensives Erlebnis, das einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. So viele Originalakten in so vielen Regalen und Schränken – ich hatte das Gefühl, dass Abertausende von Einzelschicksalen plötzlich greifbar sind, dass das Unfassbare tausendfache Gesichter bekommt.

Einige Tage nach meinem Besuch beim ITS bekam ich per Mail noch eine Kopie, um die ich gebeten hatte. Außerdem erhielt ich noch eine Kontaktadresse, bei der ich vielleicht weitere Dokumente über das Schicksal meines Vaters finden kann.

Beim ITS sind in den letzten Jahren die Anfragenzahlen gestiegen. Vermehrt gehen Anfragen aus Folgegenerationen ein, auch von Enkeln. Warum bricht das Interesse Ihrer Einschätzung nach nicht ein?

Es gibt meiner Einschätzung nach eine Vielzahl von Gründen, die alle sehr persönlich motiviert sind. Mein Vater hat sich zum Beispiel gewünscht, dass ich mich erst nach seinem Tod auf Spurensuche mache.

Die Shoah und die traumatischen Erlebnisse der Überlebenden sind Teil der „Familien-DNA“ geworden. Sie sind über die Generationen hinweg spürbar, als Bestandteil im Leben der Nachfahren sogar erlebbar. Und vielleicht spüren immer mehr Nachkommen den tiefen Wunsch, einen Weg zu finden, mit dem Geschehenen und den für sie spürbaren familiären Folgen umzugehen. Vielleicht melden sich jetzt auch mehr Enkel, weil es für sie einfacher ist, nachdem die Großelterngeneration verstorben ist.

Die Ermordung von Familienmitgliedern und jahrelange Todesangst verändern jeden Menschen, und diese Veränderungen fließen in dem Familienalltag ein. Dabei ist es nicht wichtig, ob in den Familien die Shoah thematisiert oder tabuisiert wurde. Denn Kinder spüren, wenn etwas nicht stimmt. Dass Geschehene fließt in alle Aspekte des täglichen Lebens mit ein, in die Gedanken und Gefühle, die Entscheidungen und Handlungen. Nur zwei Beispiele aus meiner Herkunftsfamilie: Meinem Vater war es immer wichtig, dass die Familie nicht auffällt, da dies negative Folgen haben könnte. Genügsamkeit war die Maxime. Am Leben zu sein reichte. Alles Weitere, zum Beispiel Wünsche und Bedürfnisse zu zeigen, nach Glück und Erfolg zu streben, war bereits zu viel. Es bedeutete Gefahr. Und im Alter wünschte sich mein Vater ein Urnenbegräbnis, was in der jüdischen Religion absolut unüblich ist. Er jedoch wollte verbrannt werden, weil seine „ganze Familie durch den Schornstein ist“.

Neben dem familiären gibt es aber auch den gesellschaftlichen Kontext. Damit meine ich nicht die „große Politik“ oder die täglichen Nachrichten, den Rechtsradikalismus, den rechten und linken Antisemitismus und den aus der Mitte. Ich meine die persönlichen Erlebnisse mit der Umwelt, die zeigen, wie weit die „Normalität“ noch entfernt ist. Wie es in der Literatur so treffend heißt, wird man auch zum Juden gemacht. Das war bei meinem Vater so. Nachdem er verstorben ist, hieß es nicht nur, „Herr Manu ist tot“, sondern auch „Der Jude im Haus ist tot“. Und heute, eine Generation später, hat sich nichts geändert. Egal ob ich mich als Jude zu erkennen gebe oder als Jude erkannt werde. Es passiert immer wieder, dass sich das Verhalten meines Gegenübers ändert, die Atmosphäre, das Gesprächsthema. Bald geht es um Judentum und Antisemitismus, um Israel und Palästina. Eine neue Bekannte meinte kürzlich: „Ich wollte schon immer einen lebenden Juden kennenlernen.“ Und alte Bekannte wünschen mir jedes Jahr „Frohe Weihnachten“. Es ist nicht böse gemeint. Aber ich finde es ignorant, gegenüber mir, meiner Familiengeschichte und gegenüber der jüdischen Geschichte, nie „ich wünsche dir ein schönes Rosch Haschana“ zu hören. So wirkt die Vergangenheit in der Gegenwart!