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Von klein auf als „Zigeuner“ stigmatisiert

Der 2. August ist der Internationale Gedenktag an den nationalsozialistischen Völkermord an Sinti und Roma, dem rund 500.000 als „Zigeuner“ verfolgte Menschen zum Opfer fielen. 1944 wurden an diesem Tag im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 2.900 Sinti und Roma auf Befehl des Reichssicherheitshauptamtes ermordet. Otto Rosenberg gehört zu den Häftlingen, die am 16. Mai 1944 durch ihren Widerstand die Räumung und Liquidierung des Lagers zunächst verhindern konnten.

Mit dem Stigma „Arbeitssch[euer] Zig[euner]“ wurde Otto Rosenberg im April 1943, wenige Tage vor seinem 15. Geburtstag, ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort nahm ihm die SS alle persönlichen Gegenstände ab und registrierte ihn. Seine Häftlingsnummer Z 6084 wurde ihm in den Unterarm eintätowiert. Sein Leidensweg hatte jedoch bereits  viele Jahre vorher begonnen.

Von klein auf als „Zigeuner“ stigmatisiert, wuchs der am 28. April 1927 in Draugupönen (Ostpreußen) geborene Sinto bei seiner Großmutter in Berlin auf. Im Sommer 1936 wird er im Vorfeld der Olympischen Spiele als Neunjähriger gemeinsam mit seiner Familie ins Zwangs- und Sammellager Berlin-Marzahn verschleppt. Er musste fortan nicht nur unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und durfte keine reguläre Schule mehr besuchen, er und seine Familie wurden auch von der SS rassebiologisch erfasst. Mit dreizehn wurde Rosenberg zur Zwangsarbeit in einem Berliner Rüstungsbetrieb gezwungen. Dort wird er 1942 denunziert und wegen angeblicher Sabotage ins Gefängnis nach Berlin-Moabit überstellt. Nach vier Monaten Einzelhaft wurde er gemeinsam mit seiner Familie in das sogenannte „Zigeunerlager“ des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau deportiert.

Otto Rosenberg gehörte zu mutigen Häftlingen, die sich am 16. Mai 1944 im „Zigeunerlager“ zusammenschlossen und durch ihren Widerstand die Liquidierung des Familienlagers zunächst verhindern konnten. Wenige Wochen später wird das „Zigeunerlager“ dennoch liquidiert und Rosenberg Anfang August 1944 ins Konzentrationslager Buchenwald verlegt. Otto Rosenberg, der sich gegenüber der SS als drei Jahre älter ausgegeben hatte, um als arbeitsfähig zu gelten, bleibt nur wenige Tage dort. Er wurde zur Zwangsarbeit in den unterirdischen Stollen des Konzentrationslager Dora-Mittelbau und des Außenlagers Ellrich-Juliushütte abkommandiert. Im April 1945 wurde er von der britischen Armee im Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit. Er überlebte von elf Geschwistern als Einziger die nationalsozialistische Gewaltherrschaft.

Um das in den verschiedenen Konzentrationslagern erlittene Leid anerkennen und Entschädigung erhalten zu können, wandte sich der Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg in den 1950er Jahren persönlich an den ITS in Bad Arolsen – zu einer Zeit, als die Nachkriegsgesellschaft diese Opfergruppe weiterhin stigmatisierte. „Höflichst“ bat er darum, ihm eine „Haftbestätigung“ auszustellen und an das für ihn zuständige Entschädigungsamt zu schicken. Sein handgeschriebener Brief zeugt auch noch Jahre später von dem erlittenen Leid.

Otto Rosenberg erhielt 1998, drei Jahre vor seinem Tod, für seine besonderen Verdienste um die Verständigung zwischen Minderheit und Mehrheit das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Einer breiten Öffentlichkeit ist er dennoch nicht bekannt, wohl aber seine Tochter: Marianne Rosenberg machte als Pop- und Schlagersängerin, Komponistin und Buchautorin Karriere.

Kerstin Hofmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin Tracing beim ITS