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Ein Leben lang gehofft

„Mein verstorbener Vater hatte den Herzenswunsch, dass meine Mutter und ich das Gedenken an seinen Bruder wachhalten“, erzählt Nathalie Devroey, als sie Anfang 2018 zum International Tracing Service (ITS) kam, um die Originaldokumente über sein Schicksal anzusehen. Sie brachte bei ihrem Besuch ein eindrucksvolles und umfangreiches Dossier über ihren Onkel Charles Devroey mit. Es ist das Ergebnis einer intensiven Recherche über das kurze Leben ihres Onkels, der mit 23 Jahren durch Zwangsarbeit und unmenschliche Lebensbedingungen von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Allen Gedenkstätten und Archiven, die ihr mit Informationen helfen konnten, schenkte sie dieses Dossier mit Kopien von Fotos, Briefen und Dokumenten, die Einblicke in das Leben und den Verfolgungsweg von Charles Devroey geben.

„Mein Vater Pierre hatte ein sehr enges Verhältnis zu seinem zwei Jahre älteren Bruder“, so Nathalie Devroey. Bis zum plötzlichen Tod der Mutter lebte die Familie in der Kolonie Belgisch-Kongo in Elisabethville. Danach schickte der Vater die Brüder nach Belgien, wo sie zunächst bei der Großmutter und dann in einem Internat lebten. Die Jugend ohne Mutter und mit wenig Kontakt zum Vater schweißte die beiden eng zusammen.

1937 ging der 16-jährige Charles an die belgische Marine-Akademie in Anvers und bestand im Mai 1940 sein Diplom. In einem von den Deutschen besetzten Belgien wollte er jedoch nicht leben. Er versuchte vergeblich nach England zu gelangen. Der Vater schickte ihn zu dem von belgischen Royalisten gegründeten und teilweise von Nazisympathisanten unterwanderten „Services de Volontaires du Travail de Wallonie“, einem freiwilligen Arbeitsdienst, der Hilfskräfte zu Bauern entsandte. Die Spannungen zwischen Gegnern und Befürwortern des Nationalsozialismus stiegen. Charles erhielt Morddrohungen. Dies gab den Ausschlag dazu, dass er sich im Juli 1943 dem Widerstand anschloss. Er war an Aktionen gegen die Nazis im Arbeitsdienst beteiligt und musste untertauchen. Zunächst versteckte er sich bei seiner Großmutter.

Im Dezember 1943 lebte er unter dem Tarnnamen Charles Devos in Toulouse. Seine Versuche nach Spanien zu fliehen scheiterten. Die französische Miliz verhaftete ihn und lieferte ihn in das Gefängnis Saint Michel in Toulouse ein. Von einem Mithäftling erfuhr die Familie später, dass er am 19. Januar 1944 in das Durchgangslager Compiègne und von dort am 27. Januar in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurde.

Raymonde Craps, die Verlobte von Pierre Devroey, übernahm eine wichtige Rolle in der Kommunikation mit Charles, um dessen Tarnidentität nicht zu gefährden. Er konnte einige Karten schreiben und erhielt über sie auch Pakete und sogar Überweisungen. Seine letzte Nachricht stammt vom 17. August 1944 aus dem Konzentrationslager Dora. Dokumente aus dem ITS-Archiv geben Auskunft, dass die Nazis ihn am 1. November 1944 in das Außenlager Ellrich-Juliushütte verschleppten. Dort überlebte er keine zwei Monate: Eine große Zahl von Häftlingen starb durch die Schwerstarbeit beim Stollenbau. Im ITS-Archiv befindet sich eine Sterbeurkunde, die den 18. Dezember 1944 als Todestag von Charles angibt. 

Pierre Devroey war 1944 zur Armee gegangen, weil er gehofft hatte, seinen Bruder in Deutschland zu befreien. Offizielle Informationen über seinen Tod erhielt er zunächst nicht. Im Mai 1945 jedoch begann Raymonde Craps ein Praktikum im belgischen Repatriierungsbüro für NS-Verfolgte in Brüssel. Dort bekam sie eine Liste mit 500 Namen von belgischen Häftlingen in die Hände, die im KZ Dora gestorben waren. Darunter der Tarnname ihres Schwagers. Nathalie Devroey berichtet: „Mein Vater konnte den Tod seines Bruders nicht verwinden. Er hat sein Leben lang gehofft, dass Charles doch durch ein Wunder überlebt haben könnte und plötzlich vor der Tür stünde. Man erzählte damals, die Russen hätten befreite KZ-Häftlinge mitgenommen. Daran knüpfte er seine Hoffnung.“ 

Nathalie und Raymonde Devroey schenkten in seinem Namen dem ITS das Dossier über Charles Devroey, um es für die Bildungsarbeit zu nutzen. Außerdem sind in dem Ordner Dokumente enthalten, die für die Geschichte des ITS interessant sind: Nathalie Devroey hat Aufzeichnungen der Interviews beigefügt, die Raymonde Devroey in dem belgischen Repatriierungsbüro mit KZ-Überlebenden geführt hat. Über ihre Erinnerungen daran hat die 94-Jährige dem ITS von ihrem heutigen Wohnort Nizza als Zeitzeugin per Video-Interview einige Fragen beantwortet. 

Im Zuge ihrer Suche hat Nathalie Devroey auch dafür gesorgt, dass ihr Onkel nun mit seinem Geburtsnamen in allen Gedenkbüchern und -listen geführt wird: Charles Devroey alias Devos. „Es war uns sehr wichtig, dass er seine wirkliche Identität zurückbekommt.“

"Wenn dein Bruder verhaftet, verurteilt und erschossen wird, ist er ein Held. Wenn dein Bruder verhaftet und in ein Lager geschickt wird, verschwindet er, er ist abwesend, du wartest auf seine Rückkehr, du hoffst und weinst, ohne zu trauern." Robert Badinter