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Ein Zufall führte zur Uhr des Vaters

Daniel Krywiak aus Kanada wandte sich 2016 an die Gedenkstätte Neuengamme, weil er hoffte, mehr über das Schicksal seines Vaters zu erfahren. Mit der erhaltenen Antwort hätte er wohl nie gerechnet: Die Mitarbeiter machten ihn darauf aufmerksam, dass im Archiv des International Tracing Service (ITS) die Taschenuhr seines Vaters aufbewahrt wird. Er trat in den Kontakt mit dem ITS und erhielt einige Wochen später ein kleines Paket mit dem Erinnerungsstück.

Iwan Krywiak war 36 Jahre alt, als die Nazis ihn in das KZ Neuengamme deportieren. In einem Dokument findet sich der Hinweis, dass er bis dahin in Frankreich gelebt hatte. Seinen Namen gab er auch in der französischen Schreibweise Jean an. Als Geburtsort ist in den Dokumenten im Archiv des ITS Sokola in Polen notiert. Vermutlich handelt es sich um den Ort Sokola Dąbrowa im westlichen Polen. Ansonsten finden sich keine Informationen über sein Leben vor der Verfolgung: kein Hinweis auf seinen Beruf, auf seine Eltern oder seine junge Familie. Doch auf allen Dokumenten steht seine Häftlingsnummer 39677. Mit der Einlieferung in das KZ-System wurde den Menschen bewusst ihre Individualität genommen, die Nationalsozialisten reduzierten sie auf Nummern.

Die Dokumente geben Auskunft darüber, wo Iwan Krywiak seine letzten Lebensmonate verbrachte. Die Deutschen zwangen ihn im Neuengamme-Außenlager Husum-Schwesing zur Schwerstarbeit beim Bau eines Verteidigungswalls, des sogenannten „Friesenwalls“. Es handelte sich um Panzerabwehrgräben entlang der Nordseeküste. Adolf Hitler ordnete diesen Bau nach der Eröffnung der Westfront per Führerbefehl vom 28. August 1944 an. Es zeichnete sich schnell ab, wie sinnlos die Arbeit am „Friesenwall“ war – eine Arbeit, die Hunderten von KZ-Häftlingen das Leben kostete.

Am 15. Dezember 1944 starb Iwan Krywiak. In den Totenlisten steht als Todesursache Lungenentzündung – damit verschleierten die Täter das systematische Morden durch Zwangsarbeit, Unterversorgung und Misshandlungen.

Oft fehlt Angehörigen bis heute ein Ort der Trauer. In Husum wurden die Toten in Massengräbern bestattet und ihre Namen im Friedhofsregister eingetragen, darunter auch Iwan Krywiak.