a A
News

„Ich muss Name für Name recherchieren“

Thomas Porena, der an der Humboldt-Universität zu Berlin im Fachbereich Südosteuropäische Geschichte promoviert, hat für ein Projekt über Doppelt-Deportierte beim International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen recherchiert. Im Interview berichtet er von den Schwierigkeiten der Recherche und von wichtigen Fundstücken im Archiv des ITS.

Worum geht es bei Ihrem aktuellen Projekt?

Wir beschäftigen uns mit Doppelt-Deportierten. Das sind Menschen aus dem Balkan – insbesondere aus dem jetzigen Slowenien, Kroatien und Montenegro – die vor 1943 von den Italienern nach Italien in Gefängnisse oder Konzentrationslager deportiert worden sind. Nach der Kapitulation Italiens kamen die Nazis und verschleppten sie nicht selten mit Hilfe der italienischen Behörden in die Konzentrationslager Flossenbürg, Mauthausen und Dachau oder direkt zur Zwangsarbeit.

Mit wem arbeiten Sie an diesem Thema?

Es ist ein italienisches Projekt, das für die “Topografia per la storia” und in Vernetzung mit der Universität Rijeka in Kroatien und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) in Deutschland durchgeführt wird. Ich beschäftige mich mit der zweiten Deportation von Italien nach Deutschland. Meine KollegInnen Andrea Giuseppini, Marco Abram und Francesca Rolandi in Italien mit dem ersten Teil. Parallel haben wir auch Recherchen in den Archiven in Rom, Triest, Zagreb, Ljubljana, Belgrad, Rijeka und Split durchgeführt.

Woher kam die Idee zu diesem Projekt?

Die Idee hat sich parallel entwickelt. Einmal in Italien, da wurde vor ein paar Jahren die erste Website über italienische Lager veröffentlicht: www.campifascisti.it. Der Leiter des Projekts, Andrea Giuseppini, wollte gerne recherchieren, was mit den Menschen aus den dortigen Lagern weiter passiert ist. Die gleiche Neugier hatte ich auch, weil ich mit der Kategorisierung von „Jugoslawen“ in Konzentrationslagern beschäftigt habe. Die Gruppe von Menschen, die über Italien nach Deutschland kamen war die einzige, die nicht nur als Serben oder Kroaten – also als ethnische Gruppe – kategorisiert wurde, sondern meistens als „Jugoslawen“.

Weshalb wurden die Menschen nach Italien deportiert?

Im Rahmen der ethnischen Säuberung wurden Menschen aus Slowenien, Dalmatien und Montenegro deportiert. Aber es gab auch viele Partisanen. Das muss man allerdings genauer betrachten. Es gab antiitalienische Partisanen, aber auch eine antideutsche und eine antifaschistische Partisanenbewegung. Oft sind es keine linearen Geschichten. Antiitalienische Partisanen waren zum Beispiel nicht immer auch gegen die Deutschen.

Ist das gut dokumentiert?

Nein. Wir wussten ungefähr wann von welchen Lagern (Renicci, Colfiorito, Molat, Cairo Montenotte) und Gefängnissen (Parma, Alessandria, Forlì, Pula, Sulmona und Perugia) die Deportationen aus Italien stattgefunden haben. Wir wussten auch ungefähr, dass zum Beispiel bestimmte Gruppen nach Flossenbürg kamen. Kompliziert ist es vor allem bei denen, die nicht über ein KZ, sondern direkt in die Zwangsarbeit geschickt wurden. Grundsätzlich gibt es kaum Deportationslisten, weder in Italien, noch in Deutschland. Wir müssen Namen recherchieren und dann über Häftlingsnummern die Gruppen identifizieren. Dann sieht man, wann und woher die Menschen gekommen sind.

Wie viele Menschen waren das ungefähr?

Wir gehen davon aus, dass es um die 2.000 Männer aus den Gebieten Slowenien, Dalmatien und Montenegro gewesen sein. Doppelt deportierte Frauen gab es anscheinend kaum. Ich kann das noch nicht genau sagen. Und das ist nur ein Teil. Denn doppelt deportiert wurden auch die Albaner und die Griechen sowie einige Engländer und Franzosen. Aber das ist erst einmal nicht Teil des Projekts.

Was haben Sie beim ITS recherchiert? Sind Sie vor allem wegen der biografischen Dokumente gekommen?

Wir haben anfangs nur Informationen zu doppelt-deportierten Männern gefunden. Ich habe beim ITS intensiv nach Frauen gesucht. Gefunden habe ich nur eine sehr ruinierte Liste aus Ravensbrück, in welcher zwei bekannte Namen auftauchen. Dann habe ich auch zu den Männern in den Dokumenten aus den Konzentrationslagern gesucht: Veränderungsmeldungen, Arbeitskommandos und Transportlisten. Sehr hilfreich waren die Aussagen der überlebenden Häftlinge aus Buchenwald über die Verfolgungswege. Das waren die interessantesten Dokumente überhaupt für mich. Auch bei den Korrespondenzakten habe ich interessante Aussagen gefunden, vor allem, wenn Überlebende selbst angefragt haben und den eigenen Verfolgungsweg genau angegeben haben. Im Prinzip muss ich dann Name für Name recherchieren. Es gab ja keine Übergabe von Italien Richtung Deutschland. Deshalb musste ich hier praktisch wieder bei null anfangen.

Das war eine aufwändige Suche!

Ja, denn ein Problem ist, dass sowohl die Italiener die Namen der Menschen falsch geschrieben haben als auch die Deutschen. In vielen Fällen sind die Namen also doppelt falsch.

Wie sollen die Ergebnisse präsentiert werden?

Auf der Website www.topografiaperlastoria.org. Wir werden zunächst die Lager in Italien und die Lager in Deutschland sowie die Deportationswege darstellen und eine Auswahl von Dokumenten zeigen. Dieses Material werden wir durch Biografien und Zeitzeugen ergänzen. Wir konnten in Slowenien noch einige Menschen interviewen. Dann wird auch eine Datenbank erstellt.  Die Seite wird es auf Deutsch, Englisch und Italienisch geben.