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Innovative Projekte und Apps mit ITS-Daten

Auf den Spuren jüdischer Kinder durch Berlin gehen – das macht die App „Murmeln der Erinnerung“ möglich. Entwickelt hat sie Ende 2017 ein internationales Team beim Kultur-Hackathon „Coding da Vinci“ in Berlin. Basis für dieses und ein weiteres Projekt war die Kartei der Reichsvereinigung der Juden, die der International Tracing Service (ITS) zusammen mit umfangreichen Metadaten für den Hackathon freigegeben hatte.

Kultur-Hackathons vernetzen Kulturinstitutionen mit App-Programmierern, Webdesignern oder auch Experten für Augmented Reality. In einer vorgegebenen Zeit arbeiten sie Datensätze von Archiven, Bibliotheken und Museen kreativ auf und bringen das oft wenig genutzte Material auf neuen Wegen an die Öffentlichkeit. Für den ITS ist der Bereich der digitalen Geisteswissenschaften wichtig, um seinen wertvollen Datenbestand den nächsten Generationen zu öffnen. 

Die Kartei der Reichsvereinigung der Juden umfasst 32.000 Karten mit Metadaten. Dieser Bestand erlaubt Rückschlüsse über Berliner Juden zur NS-Zeit. Gleich zwei der 15 Teams des Hackathons entschieden sich, mit diesem Material zu arbeiten: Zum einen der Programmierer Stefan Bartsch, zum anderen ein vierköpfiges Team aus Ungarn, El Salvador, Brasilien und Deutschland. Leonardo de Araújo, Nina Hentschel, Adrienn Kovács und Nicole Mayorga wählten aus der Kartei die sogenannten Schülerkarten für ihr Projekt „Marbles of Remembrance / Murmeln der Erinnerung“.  Die App gewann bei dem Programmierwettbewerb den Jury-Preis „Out of Competition“ für kulturell besonders wertvolle Leistungen.   

Drei App-Funktionen entwickelte das Team in dem sechswöchigen Programmierwettbewerb. Erstens kann der Nutzer nach den jüngsten Opfern des Holocaust recherchieren. Er kann etwa den Namen von Stolpersteinen eingeben und sich die Karte dazu ansehen. Außerdem kann man die Live-Standort-Übertragung bei einem Gang durch Berlin einschalten. So sieht man automatisch per GPS, wenn man an einer ehemaligen jüdischen Schule oder einer Wohnung vorbeigeht, in der vor 1945 eine jüdische Familie gelebt hat. Hierbei erscheinen auch Hintergründe zu den Stolpersteinen von allein auf dem Display.  

Drittens bietet die App zwei Stadtrundgänge auf den Spuren zweier jüdischer Kinder. Mit diesen Touren lernen Nutzer der App Majan Freier und Isaak Behar kennen, jüdische Schüler aus Berlin. Um zu zeigen, dass die Karten immer nur Ausschnitte aus dem Leben echter Menschen sind, hat das Team dafür die Karteikarten mit weiterem biografischem Material angereichert. Wie in einem Whatsappchat führen Majan und Isaak durch „ihre“ Stadt. Aus ihrer Perspektive lernt man so ihre Familien kennen. Sie zeigen zum Beispiel Familienfotos oder andere Dokumente aus ihrem Leben und teilen mit, zu welchen Synagogen sie gingen. Die App steht kostenlos zum Download bereit und soll noch wachsen. Zum Beispiel durch Crowdsourcing: Jeder könnte dann Bilder, Dokumente oder biografische Angaben zu den Personen hochladen und den Bot auf diese Weise lebendiger machen. Auch soll das heutige jüdische Leben in Berlin in die App einfließen. 

Für das zweite Projekt, das die Kartei der Reichsvereinigung der Juden nutzte, waren vor allem die tiefenindizierten Metadaten wichtig.  Zur „Visualisierung jüdischen Lebens“ fasste Stefan Bartsch rund 100.000 Personendatensätze aus dem Minderheitenzensus von 1939, dem Gedenkbuch des Bundesarchivs und des Jüdischen Adressbuchs für Groß-Berlin von 1931 zusammen. Auf einer Stadtkarte im Internet können sich Nutzer anzeigen lassen, wo jüdische Familien in Berlin lebten. Sie können das Material auch statistisch auswerten, etwa nach Berufen filtern oder nach dem Alter der jüdischen Bewohner sowie Emigrationszielen. Durch eine freie Lizenz trägt der ITS dazu bei, dass sich die beiden Projekte weiterentwickeln und viele Nutzer finden können.