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Nachkriegsakten zu NS-Verfolgten online

Der International Tracing Service (ITS) hat eine große Zahl von Dokumenten zu Holocaust-Überlebenden, ehemaligen KZ-Häftlingen und NS- Zwangsarbeitern in seinem Online-Archiv veröffentlicht. Es handelt sich um knapp 200.000 Akten über Einzelpersonen und Familien, die in der Zeit nach 1945 von der International Refugee Organization (IRO) und ihrer Vorgängerorganisation betreut wurden. Erstmals veröffentlicht der ITS einen so umfangreichen Teilbestand seines Archivs im Internet. Der Ausbau des ITS Online-Archivs wird fortgesetzt.

Bela und Kasiel Segall heirateten im Februar 1950 in München. Ihre Akte aus dem Care and Maintenance Programm der IRO zeigt, wie sie als polnische Juden und Überlebende des Holocaust die ersten Jahre nach 1945 in Krankenhäusern, Displaced Persons Camps (DP-Camps) und dann in einer eigenen Wohnung versuchten Fuß zu fassen und in Deutschland auf eine Emigrationsmöglichkeit warteten. Sie gibt zudem Auskunft über den Verfolgungsweg: Bela Segall war unter anderem in den Konzentrationslagern Majdanek, Auschwitz und Ravensbrück. Auch ihr späterer Mann wurde von den Nazis in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Die Alliierten befreiten ihn im KZ-Buchenwald.

Frühe Zeugnisse über die NS-Verbrechen

Die Akten aus dem Care and Maintenance Programm der IRO sind wichtige Dokumente, die einerseits Schicksalswege dokumentieren und andererseits zeigen, wie die ehemals NS-Verfolgten von den Alliierten betreut wurden. Sie stammen aus DP-Camps in Deutschland, in denen Holocaust-Überlebende, ehemalige KZ-Häftlinge und NS-Zwangsarbeiter untergebracht waren und auf ihre Emigration warteten. Hinzu kamen Menschen, die aus politischen Gründen aus dem Machtbereich der Sowjetunion geflohen waren.

Dokumente mit mehr als 580.000 Namen hat der ITS nun in seinem Online-Archiv veröffentlicht. Es handelt sich um knapp 200.000 Akten mit über 900.000 einzelnen Seiten, vielfach sind Passfotos dabei. Ausgeklammert von der Onlinestellung sind Krankenpapiere. Die Akten enthalten Fragebögen, die von den Menschen beantwortet werden mussten. Mitarbeiter der IRO und ihrer Vorgängerinstitution entschieden auf dieser Basis, ob sie als DPs im Rahmen des Programms unterstützt wurden.

Die Auskünfte über die Jahre in Konzentrationslagern und Zwangsarbeit haben aus historischer Perspektive eine besondere Bedeutung, weil es frühe Zeugnisse über die NS-Verbrechen sind. Darunter finden sich auch Informationen zu ermordeten Familienangehörigen.

Quellen für Angehörige und Forschung

Es gehört zu den Zielen des ITS, seine international einzigartige Sammlung von Dokumenten über die NS-Verbrechen und ihre Folgen zugänglich zu machen. Die IRO-Akten sind zum einen für Familienangehörige interessant, die nun im ITS Online-Archiv selbst nach Namen und Orten recherchieren können. Der Zugang zu diesen Dokumenten ist zum anderen für Wissenschaftler weltweit ein Gewinn. Sowohl Holocaust- als auch DP- und Migrationsforscher können den Aktenbestand nun für ihre Projekte nutzen, ohne zum ITS nach Bad Arolsen oder zu einer der sieben Partnerorganisationen mit digitalen Kopien des ITS-Archivs reisen zu müssen.

Die ITS Online Angebote werden weiter ausgebaut

Die Veröffentlichung der IRO-Akten ist die bisher umfangreichste Onlinestellung des ITS. Sie beziehen sich jedoch nur auf einen Bruchteil der Menschen, die als DPs betreut, repatriiert und auf dem Weg in die Emigration begleitet wurden. Die Forschung spricht von mehr als zehn Millionen DPs, die sich nach der Kapitulation von Nazi-Deutschland in Europa befanden. Im Archiv des ITS werden viele weitere große Bestände über die Folgen der NS-Diktatur und die Schicksale der DPs aufbewahrt, darunter auch Akten aus DP-Camps außerhalb von Deutschland.

Der ITS wird seine digitalen Angebote über die NS-Verfolgung nach und nach weiter ausbauen. Aktuell ist die Onlinestellung von Dokumenten aus Konzentrationslagern und Ghettos in Vorbereitung.

Link zum Online-Archiv