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Diskussion neuer Forschungsergebnisse zu Todesmärschen

Der Internationale Suchdienst (ITS/International Tracing Service) hat auf einer zweitägigen internationalen Konferenz neue Forschungsergebnisse und Perspektiven zum Thema Todesmärsche aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern diskutiert. Im Mittelpunkt der Konferenz „Auf den Spuren der Todesmärsche - Verbrechen, Ermittlung, Erinnerung“ mit 60 Teilnehmern aus acht Ländern standen die Dokumente im Archiv des ITS zur Rekonstruktion der Todesmärsche und zur Identifikation der Toten, die zwischen 1946 und 1951 entstanden. Seit Oktober 2010 hatten Wissenschaftler diese in einem gemeinsamen Workshop erstmals systematisch untersucht. „Das Material in unserem Archiv kann bisherige Forschungen ergänzen und zugleich ein ganz neues Schlaglicht auf den Umgang der Alliierten mit diesen Verbrechen werfen“, sagte Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung beim ITS.

Die Sammlung des ITS zum Thema Todesmärsche umfasst etwa zwölf laufende Meter. Dazu zählen Auskünfte von Kommunen, Informationen zu Evakuierungstransporten, polizeiliche Ermittlungsberichte, Kartenmaterial und Originalunterlagen aus den letzten Tagen der Konzentrationslager. „Die vom ITS und seinen Vorgängerinstitutionen durchgeführten Ermittlungen zu den Todesmärschen, die später als „Attempted Identification of unknown dead“ bezeichnet wurden, waren der Versuch, das Phänomen als Ganzes zu betrachten - unter Aspekten des Tracing und der Schicksalsklärung sowie unter historiografischen Perspektiven“, erläuterte Urban. Die Dokumente ermöglichen neue Erkenntnisse zu den Zahlen der Häftlinge, zu einzelnen Schicksalen, den Routenverläufen, der Beteiligung der Bevölkerung und dem Umgang mit dem Thema im Nachkriegsdeutschland.

Seines Wissens sei dies die erste wissenschaftliche Konferenz, die die Todesmärsche als Hauptthema behandelte, sagte Daniel Blatman, Professor an der Hebrew University Jerusalem und Autor des Buches „Die Todesmärsche 1944/45 - Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords“. „Das vom ITS gestartete Projekt ist enorm wichtig, um unser Wissen abzurunden und diese Phase des Genozids zu verstehen. Da die Dokumente im Archiv von Bad Arolsen direkt nach dem Ende des Krieges entstanden, sind sie ein Schatz für die Forschung.“

Nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler kamen von über 700.000 KZ-Häftlingen Anfang 1945 etwa 250.000 ums Leben. Wer vor Hunger, Kälte und Erschöpfung zusammenbrach, wurde gezielt ermordet. „Dieser Massenmord geschah in aller Öffentlichkeit und nicht mehr im fernen Osteuropa“, erklärte Blatman. „Die Mörder stammten nicht allein aus den Reihen der SS, Polizei und Wehrmacht. Vielmehr beteiligten sich jetzt auch Zivilisten, die die KZ-Häftlinge als lebenden Beweis der Niederlage ansahen und sie gnadenlos töteten.“

Die Verläufe der Todesmärsche ließen sich anhand des Materials im Archiv des ITS genau nachvollziehen, äußerte Josephine Ulbricht von der Universität Köln. „Es gab sie überall in nahezu jeder kleinen Gemeinde.“ Die Historikerin hat im Rahmen des Workshops einen Todesmarsch aus dem Konzentrationslager Flossenbürg genauer betrachtet. „Dank der Aufzeichnungen der Alliierten und ihrer Bemühungen um eine Identifizierung erhalten die Toten ein Gesicht.“

Der ITS knüpft mit dem Thema Todesmärsche an die Arbeitsfelder des ITS in den ersten Nachkriegsjahren an und möchte sich zugleich als Forschungseinrichtung empfehlen. „Die Todesmärsche sind in der Forschung noch ein recht junges Feld“, erläuterte Urban. „Während der Konferenz wurde das Thema aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Genau das macht Wissenschaft aus. Wir werden die Auseinandersetzung mit diesem Aspekt der NS-Geschichte fortsetzen und hoffen, dass weitere Wissenschaftler das Thema aufgreifen.“ Der ITS wird Ergebnisse der Forscher in seinem ersten, im Juni 2012 erscheinenden Jahrbuch präsentieren.