a A

Entwurzelt im eigenen Land

Sie hatten ihre Familien und ihr Hab und Gut verloren, doch fühlten sie sich auch nach 1945 noch als Deutsche: Der neue Band der „Fundstücke“, einer Publikationsreihe des International Tracing Service (ITS), dokumentiert die vergeblichen Anstrengungen überlebender deutscher Sinti und Roma, als Opfer der NS-Verfolgung Anerkennung zu finden.

„Bereits die Tatsache, dass die Überlebenden nach Deutschland zurückkehrten, bezeugt ihre enge Verbundenheit mit dem Land, in dem sie seit Generationen verwurzelt waren.“ Vor diesem Hintergrund war die Zurückweisung für die Überlebenden der Konzentrationslager so schwer zu ertragen, erläuterte Dr. Silvio Peritore, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma bei seinem Vortrag anlässlich der Buchpräsentation Publikation „Entwurzelt im eigenen Land: Deutsche Sinti und Roma nach 1945“, die am 30. Juni 2015 im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg stattfand. Der International Tracing Service (ITS) lenkt mit dem zweiten Bändchen der Reihe „Fundstücke“ den Blick darauf, dass Behörden und Institutionen vielfach die Vorurteile und die abwertenden Bezeichnungen der Nationalsozialisten über Sinti und Roma einfach übernahmen. Anerkennung und Entschädigungen wurden ihnen über Jahrzehnte ebenso versagt wie Interesse an ihrem Schicksal. Das Buch knüpft inhaltlich an den ersten Band über die Überlebenden des »Zigeunerlagers« Lackenbach an, das der ITS 2014 publiziert hat. Die Reihe der „Fundstücke“ verfolgt das Ziel, auf wenig bekannte Dokumente im Archiv des ITS in Bad Arolsen und zugleich auf wichtige Forschungsthemen aufmerksam zu machen.

Kritisch gegenüber der eigenen Geschichte

Dr. Susanne Urban, Mitherausgeberin der „Fundstücke“ und Leiterin der Abteilung Forschung und Bildung beim ITS, wies anlässlich der Buchpräsentation darauf hin, dass die Dokumente im Archiv des ITS nicht selten die Vorurteilsstrukturen der eigenen Institution zeigen: „Zigeuner-Fälle machen uns von jeher große Schwierigkeiten“, heißt es in einem Brief des ITS an die Entschädigungskammer des Landgericht München 1 von September 1968. Im gleichen Schreiben folgt aufgrund von Schwierigkeiten durch unterschiedliche Schreibweisen von Namen folgender Vorschlag: „Zu Ihrer Sicherheit empfehlen wir Ihnen, eine notarielle Beglaubigung über die Tätowierung der Häftlings-Nr. Z-10 551 auf dem linken Unterarm der Klägerin einzufordern.“

Der Mitherausgeber und Autor Dr. Markus Roth von der Arbeitsstelle Holocaust-Literatur an der Justus-Liebig-Universität Gießen, beschäftigte sich in seinem Beitrag mit Fragen der Identität und Staatsangehörigkeit. „Der klaffende Abgrund zwischen eigener Identitätsgewissheit und der Zurückweisung und Negierung durch die Behörden und die Mehrheitsgesellschaft ließ viele Überlebende schier verzweifeln.“ Sinti und Roma aus Ostpreußen traf dies besonders, da sie nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern keinerlei Möglichkeiten mehr hatten, bei der sowjetischen beziehungsweise polnischen Verwaltung Dokumente über ihr vergangenes Leben zu beschaffen.

Das Ziel des zweiten Bandes der „Fundstücke“ ist, die marginalisierte Opfergruppe der Sinti und Roma mehr ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. „Vorurteile gehen nicht nur an jene, die davon getroffen werden, sondern es erodieren immer auch die Werte und der Humanismus eines Landes“, betonte Dr. Susanne Urban. Dieser Aspekt ist auch Dr. Silvio Pertitore wichtig: „Indem die Aktivisten der Sinti und Roma in den 1980er Jahren die entscheidenden Impulse zur historischen Aufarbeitung des Völkermords an den Sinti und Roma gaben, leisteten sie einen wichtigen allgemeinen Beitrag zur inneren Befreiung der Bundesrepublik von den Erblasten des Nationalsozialismus und zur Stärkung ihres zivilgesellschaftlichen Fundaments.“

Das Buch ist ab sofort erhältlich:

Fundstücke: Entwurzelt im eigenen Land: Deutsche Sinti und Roma nach 1945“
Herausgegeben von Susanne Urban, Silvio Peritore, Frank Reuter, Sascha Feuchert und Markus Roth
Reihe: Fundstücke (Hg. von Susanne Urban, i.A. des International Tracing Service Bad Arolsen); Bd. 02
ISBN: 978-3-8353-1656-0 (2015)
€ 9,90 inkl. Mehrwertsteuer zuzüglich Versand
Bestellungen über den Wallstein-Verlag, Göttingen