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Historiker-Workshop zu Todesmärschen

Erstmals werden beim Internationalen Suchdienst (ITS/International Tracing Service) in Bad Arolsen Dokumente zum Thema Todesmärsche aus Konzentrationslagern, darunter auch noch unveröffentlichtes Kartenmaterial, von Wissenschaftlern näher untersucht. Vom 4. bis 7. Oktober 2010 veranstaltet der ITS dazu einen Historiker-Workshop mit 13 Teilnehmern aus fünf Ländern. „Wir hoffen, dass sich hieraus neue Forschungsperspektiven ergeben werden“, sagte Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung beim ITS. „Das Thema der Todesmärsche beginnt sich erst seit wenigen Jahren zu etablieren. Der ITS will sich aktiv einbringen.“

Bei den Vorgängerinstitutionen des Internationalen Suchdienstes hat es nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges intensive Bemühungen gegeben, die Verläufe von Todesmärschen nachzuvollziehen und die Schicksale der betroffenen Menschen zu klären. Dazu wurden deutsche Gemeinden und Überlebende befragt. Die daraus entstandenen Dokumente werden im Rahmen des Workshops zunächst gesichtet und analysiert. „Noch immer ist das Schicksal Tausender Menschen ungeklärt“, äußerte Historikerin Dr. Katrin Greiser, die für die Gedenkstätte Buchenwald an dem Workshop teilnimmt. „Ich bin mir sicher, dass uns die Bestände des ITS in Forschungsfragen voranbringen werden. Von der Struktur her sind uns die Unterlagen teilweise bekannt, aber sie sind noch nie in ihrer Fülle ausgewertet worden.“

Dabei könnten durchaus noch unentdeckte Fundstücke auftauchen, so Urban. „Auf den beim Suchdienst damals erstellten Landkarten zu den Todesmärschen wurden teilweise genaue Ortsangaben, Zahlen von Betroffenen und Grablagen verzeichnet, die der Forschung und insbesondere den Gedenkstätten noch nicht in allen Details bekannt sein dürften.“ Historiker und Archivar Albert Knoll von der Gedenkstätte Dachau konnte anhand einer Karte und weiteren Dokumenten aus dem Archiv des ITS bereits das Schicksal eines Häftlings klären, das bislang offen geblieben war. „Für uns sind dies wichtige Ergebnisse, die wir in das geplante Totenbuch des Konzentrationslagers Dachau mit aufnehmen können“, erläuterte Knoll.

Der Historiker-Workshop diese Woche soll nur den Auftakt zu einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit den Dokumenten bilden. Vorgesehen sind konkrete Forschungsprojekte, eine mit weiteren Wissenschaftlern besetzte Konferenz im kommenden Jahr sowie eine spätere Veröffentlichung. Mit der Erschließung und Diskussion der wertvollen Bestände wolle sich der ITS auch in der Forschungsgemeinschaft bekannt machen, sagte Urban. „Der ITS sieht sich als Ort der wissenschaftlichen wie pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, dem Holocaust und der Zwangsarbeit.“

Zudem gibt es Pläne, in Kooperation mit der Gedenkstätte Yad Vashem eine Unterrichtseinheit zum Thema Todesmärsche auszuarbeiten. „Wir haben zwar eine ganze Reihe von pädagogischen Einheiten auf Deutsch verfügbar, aber keines widmet sich bislang dem Kapitel Todesmärsche. Es finden sich in den Dokumenten des ITS interessante Ansatzpunkte, um das Thema über Einzelschicksale zu beleuchten, aber auch den Aspekt der Handlungsoptionen von Zuschauern und Tätern aufzugreifen“, erklärte Deborah Hartman von der International School for Holocaust Studies Yad Vashem.

Die so genannten „Evakuierungen“ der Konzentrationslager zum Ende des Zweiten Weltkrieges werden heute allgemein als „Todesmärsche“ bezeichnet. Der Begriff wurde von den Überlebenden geprägt. Die SS hatte frontnahe Konzentrationslager aufgelöst und die meisten KZ-Häftlinge zu wochenlangen Märschen gezwungen. Viele bereits durch die KZ-Haft geschwächte Häftlinge erfroren, verhungerten oder brachen zusammen. Wer nicht weiter konnte, wurde von den SS-Wachmannschaften erschossen.