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Internationales Suchdienst-Treffen in Bad Arolsen

Der Internationale Suchdienst (ITS) ist diese Woche Gastgeber eines internationalen Treffens von Suchdiensten des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes. 32 Suchdienstvertreter aus 27 Nationen sowie zehn Vertreter des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf sind zu dem dreitägigen Meeting in Bad Arolsen eingetroffen. Inhalt der Gespräche sind unter anderem die verschiedenen Erfahrungen mit Suchfällen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg sowie die künftige Kooperation der Rot-Kreuz-Gesellschaften mit dem Internationalen Suchdienst. „Ziel des Meetings ist es, die Zusammenarbeit der einzelnen Suchdienste weiter zu optimieren“, sagte ITS-Direktor und IKRK-Delegierter Jean-Luc Blondel. „Für die Betroffenen hat die Klärung des Schicksals ihrer Familienangehörigen heute wie damals eine enorme Bedeutung.“

Das sensible Vorgehen bei Familienzusammenführungen, die effektive Bearbeitung von Suchfällen, die Konsequenzen für die humanitäre Arbeit aus der Öffnung des ITS-Archivs sowie die künftige Rolle des ITS, wenn sich das IKRK wie geplant aus der Leitung der Einrichtung zurückzieht, sind die wesentlichen Fragestellungen auf der Agenda des Treffens. Zugleich machen sich die Vertreter der verschiedenen Suchdienste mit den über 30 Millionen Dokumenten zu Opfern des NS-Regimes im Archiv des ITS vertraut. „Eine gute internationale Vernetzung fördert die erfolgreiche Arbeit der Suchdienste“, so ITS-Direktor Blondel.

Vor allem in Osteuropa sind die Klärung von Schicksalen und die Familienzusammenführung auch 64 Jahre nach dem Kriegsende ein aktuelles Thema. Die Osteuropäer hatten besonders unter den Verbrechen der Nationalsozialisten und den Folgen des Zweiten Weltkrieges zu leiden. „Zahlreiche Familien sind durch den Zweiten Weltkrieg, durch Zwangsarbeit und Lagerhaft auseinander gerissen worden. Ihre Zusammenführung wurde durch den anschließenden Kalten Krieg oftmals unmöglich gemacht“, berichtete Iolanta Mikhailova, Vize-Direktorin des Such- und Informationsdienstes des Roten Kreuzes in Russland. „Die Klärung ihrer Schicksale ist für uns deshalb noch immer eine wichtige humanitäre Aufgabe.“ Etwa ein Drittel der derzeit in Moskau vorliegenden 3000 Suchfälle hätte noch mit dem Kriegsgeschehen zu tun. „Die Informationen, die wir aus dem Archiv des ITS bekommen können, sind für unsere Arbeit enorm wichtig“, so Mikhailova.

Ein Beispiel für die gelungene Zusammenarbeit zwischen dem ITS und einem osteuropäischen Suchdienst des Roten Kreuzes bietet aktuell der Fall des Mecklenburgers Gerhard Röser. Dieser hatte sich auf der Suche nach seinem leiblichen Vater im September 2007 an den Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen gewandt. Sein tschechischer Vater war während des Zweiten Weltkrieges Zwangsarbeiter in Leipzig. Im Januar 1945 stand die Unterkunft des Zwangsarbeiters leer. Antonin Svab erfuhr nichts von der Schwangerschaft seiner heimlichen Beziehung zu einer Deutschen.

Dank der Zusammenarbeit mit dem Rot-Kreuz-Suchdienst in Tschechien sowie Anfragen an das Sächsische Staatsarchiv, das Einwohnermeldeamt Leipzig, das Bundesverwaltungsamt und den Kirchlichen Suchdienst in Passau konnte jetzt die Familie des Vaters gefunden werden. Rösers Vater selbst ist 1987 verstorben, ohne je von seinem Sohn in Deutschland gehört zu haben. Doch drei Halbbrüder von Röser aus Prag, Petr, Jinrich und Antonin Svab, erklärten sich zu einem Treffen bereit. „Das schier Unmögliche ist gelungen“, freut sich der 63-jährige Röser. „Ich bin unendlich dankbar, dass ich jetzt Kontakt zu Familienangehörigen meines leiblichen Vaters habe und mehr über ihn erfahren kann. Ich hoffe, dass mein Fall dazu beiträgt, dass auch andere Betroffene Mut fassen und die Suche nicht aufgeben.“

Für Ivana Holubova, Leiterin des Suchdienstes des Roten Kreuzes in Tschechien, sind solche Schicksale kein Einzelfall. „In den Familien wird häufig über die Vergangenheit geschwiegen, so dass es auch Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges noch offene Fragen und Familiengeheimnisse gibt. Für das eigene Selbstverständnis ist es von unschätzbarem Wert, die persönliche Herkunft und Identität zu kennen.“