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ITS stellt Dokumente über NS-Verfolgung online

Bild zeigt: Ansicht von Effekten im Online Archiv
Ansicht von Effekten des deutschen Sinto Heinrich Laubinger im Online-Archiv

Weltweit besteht großes Interesse an den Dokumenten im Archiv des International Tracing Service (ITS) über NS-Verfolgte und die befreiten Überlebenden. Ein kleiner Teil der Sammlung, die seit 2013 zum UNESCO Weltdokumentenerbe gehört, ist nun in einem neuen Online-Archiv einsehbar. Drei Bestände hat der ITS im ersten Schritt veröffentlicht: Fotos der persönlichen Gegenstände, die den Inhaftierten in Konzentrationslagern abgenommen wurden, einen ausgewählten Bestand über die Todesmärsche sowie Akten des Kindersuchdienstes aus der Zeit unmittelbar nach der Befreiung.

Zu den Aufgaben des ITS zählt es, die Dokumente des Archivs einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Deshalb haben die Vertreter der elf Mitgliedstaaten im Internationalen Ausschuss, dem obersten Leitungsorgan des ITS, im Sommer 2014 entschieden, dass ab 2015 nach und nach mit der Onlinestellung von Dokumenten begonnen werden soll. Für das Pilotprojekt wurden drei Bestände ausgewählt, die sich aufgrund der Datenmenge, datenschutzrechtlicher Erwägungen und der Themen für die Veröffentlichung im Online-Portal eignen. Außerdem spielten die wissenschaftliche Aufarbeitung und die archivische Erschließung der Bestände eine Rolle.

Offen für alle

Das Online-Archiv des ITS steht ab sofort kostenfrei unter digitalcollections.its-arolsen.org zur Verfügung. Die Dokumente sind sowohl für die Forschung als auch für Betroffene, Angehörige und Nachfahren sowie Familienforscher, aber auch zum Beispiel im Rahmen von Schulprojekten interessant. Darüber hinaus soll die Onlinestellung dazu beitragen, den Blick auf die Arbeit des ITS und sein wertvolles Archiv über die Opfer des Holocausts und der NS-Verfolgung zu lenken. Innerhalb von nur zwölf Monaten hat der ITS das Projekt realisiert und rund 50.000 Images in dem Portal bereitgestellt. Unterstützt wurden Dr. Christan Groh, Leiter der Abteilung Archiv, und sein Team dabei von den auf Onlineportale für Bibliotheken und Archive spezialisierten Unternehmen Walter Nagel und semantics.

Geografische Karten und hilfreiche Suchfunktionen

Weite Teile des ITS Archivbestands sind bereits digitalisiert. Für ein sinnvolles, nutzerorientiertes Online-Portal mussten die Daten der ausgewählten Bestände jedoch speziell aufbereitet und strukturiert werden. Dies erleichtert den Zugang und die gezielte Suche nach Informationen. Zum Beispiel wurden Filterfunktionen nach Anfangsbuchstaben genannter Personen, nach geographischen Angaben sowie nach Zeiträumen eingerichtet. Für den Bestand mit Informationen über die Todesmärsche ist die Visualisierung auf Landkarten eine hilfreiche Funktion. Die Dokumente umfassen die Fragebögen, die unmittelbar nach 1945 an Kommunen geschickt wurden, um Informationen über den Verlauf der Todesmärsche, Gräber unbekannter Toter, Augenzeugenberichte sowie Lagepläne von Grabstellen zusammenzutragen. Auf der Karte sind alle Orte eingezeichnet, von denen Dokumente vorliegen. Wählt man den Ort aus, so erscheinen die Dokumente in einer Listenansicht und können direkt aufgerufen werden.

Suche nach Nachfahren von Inhaftierten

Außerdem ist es jetzt möglich, die Fotos der rund 2.800 Effekten durchzusehen, die im Archiv des ITS bewahrt werden. Es handelt sich um persönliche Gegenstände, die Häftlingen bei der KZ-Einlieferung abgenommen wurden. Der ITS bewahrt als einzige Institution einen Bestand von Effekten, bei denen die Namen der Besitzer bekannt sind. Das Ziel ist es, diese Gegenstände an die Familien der NS-Opfer zu übergeben. Häufig helfen Journalisten oder Gedenkstätten dabei, Nachfahren zu ermitteln. Durch die Veröffentlichung der Fotos zusätzlich zu der Namensliste hofft der ITS, dass weitere Rückgaben möglich werden.

Die Akten des Kindersuchdienstes

Bei dem dritten Bestand im ITS Online-Portal handelt es sich um die Akten des Kindersuchdienstes (Child Search Branch), der sich ab 1945 um die große Zahl der vermissten und „unbegleiteten Kinder“ (unaccompanied children) kümmerte. Sie waren Überlebende der NS-Konzentrations- und Vernichtungslager, zur Zwangsarbeit verschleppte Minderjährige oder Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Die Aufgabe des Kindersuchdienstes bestand unter anderem darin, Identität und Staatsbürgerschaft festzustellen und Kontakte zu Angehörigen herzustellen. Die Dokumente geben Auskunft über die Organisationsstrukturen der Institutionen sowie beispielsweise auch über die Anzahl der versorgten Kinder und ihre Herkunft. 

Weiterentwicklung geplant

Um einen Austausch zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern anzuregen, wird den Web-Nutzern nach einer Anmeldung die Möglichkeit geboten, das Portal zu kommentieren und zusätzliche Kenntnisse zur Verfügung zu stellen. Der ITS moderiert diese Kommentarfunktion vor der Veröffentlichung. Das Feedback der Nutzer soll zudem in die Weiterentwicklung des Portals einfließen. In der auf zwei Jahre angelegten Zusammenarbeit mit den Partnerunternehmen wird der ITS 2016 weitere Teilbestände veröffentlichen, die inhaltlich an die drei Themen anknüpfen sollen. Insgesamt ist es aber aufgrund der enormen Datenmenge nur ein kleiner Prozentsatz des gesamten ITS-Archivs, der in den kommenden Jahren über das Onlineportal zugänglich gemacht werden kann.