a A

Jahrbuch zu frühen Zeugnissen Überlebender

Vorstellung des ITS Jahrbuchs

Das zweite wissenschaftliche Jahrbuch des International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen setzt sich mit frühen Zeugnissen von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung und des Holocaust auseinander. „Die Zeugnisse in Form von Briefen, Aufsätzen, Tagebüchern oder Aussagen nach der Befreiung zeigen, dass die Überlebenden in den ersten Jahren eben nicht schwiegen, sondern früh eine Auseinandersetzung mit dem Erlittenen einsetzte“, sagte Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung und Bildung beim ITS.

Ein Beispiel für frühe Zeugnisse sind etwa 1.100 Fragebögen im Archiv des ITS, die Überlebende Anfang der 1950er Jahre beantwortet hatten. Hier schrieb etwa Helena Rosenbaum über das Konzentrationslager Auschwitz: „Während meines Aufenthaltes keine besonderen Ereignisse. Jeden Tag dieselben Verbrennungen und Folterungen.“ Weitere Erinnerungen finden sich in Fragebögen der Alliierten bei der Befreiung der KZ oder der Registrierung von Displaced Persons. Zudem gibt es Zeugenaussagen, die von Überlebenden direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Form von Briefen oder Essays niedergeschrieben wurden. „Die Quellen sind interessant, einzigartig und vielschichtig und bieten daher Raum für verschiedene Forschungsansätze“, so Urban. „Das Jahrbuch verstehen wir insofern auch als einen Anreiz, tiefer in das Thema einzusteigen.

Professor Sascha Feuchert, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen, hält eine Beschäftigung mit den frühen Zeugnissen für notwendig, da viele Texte aus der unmittelbaren Nachkriegszeit „aus dem kulturellen Gedächtnis herausgefallen sind. Sie trafen damals in Deutschland auf Abwehr und fielen der ersten Schlussstrich-Debatte zum Opfer. Es gilt, sie endlich wieder zu entdecken und neu zu befragen. Das Jahrbuch des ITS ist ein Meilenstein auf diesem Weg.

Neben den frühen Zeugnissen betrachtet das Jahrbuch auch die Fragen, wie sich die Erinnerung an die Zeit der Verfolgung im Laufe der Jahrzehnte verändert hat und wie der Umgang mit den Folgen die Kinder und Enkel prägte. So führt etwa die Israelin Nava Semel aus: „Eine ganze Generation von Israelis wuchs mit der unausgesprochenen Botschaft auf: ‚Du fragst nicht, und ich werde nicht antworten‘. Wir wurden zu Beschützern unserer Eltern vor den Wunden einer traumatischen Erinnerung.“ Die Aufgabe eines jeden Menschen sei es, verantwortungsvoll mit der Vergangenheit umzugehen. „Dabei geht es weniger um die Frage ob, sondern wie erinnert wird. Wichtig ist, dass wir die Kette der Erinnerung nicht abbrechen lassen.

Das Jahrbuch „Freilegungen: Überlebende – Erinnerungen – Transformationen“ ist im Wallstein Verlag Göttingen erschienen. Mit der 2012 begonnenen Reihe von Jahrbüchern will sich der ITS am wissenschaftlichen und interdisziplinären Diskurs über die NS-Verfolgung beteiligen. Sie ist zugleich ein Ausdruck der Weiterentwicklung des ITS zu einem Zentrum für Dokumentation, Information und Forschung.

Reihentitel: Jahrbuch des International Tracing Service
Freilegungen: Überlebende – Erinnerungen – Transformationen
Bandnummer: 2
Herausgeber: Professor Rebecca Boehling, seit Januar 2013 Direktorin des ITS, Dr. Susanne Urban, seit 2009 Leiterin des Bereichs Forschung und Bildung im ITS, René Bienert, M.A., seit Anfang 2012 stellvertretender Leiter des Bereichs Forschung und Bildung im ITS.
Mit Beiträgen u.a. von Sascha Feuchert, Laura Jockusch, Natan P. Kellerman, Nava Semel und Eldad Stobezki.
ca. 400 Seiten mit 25 Abbildungen,
ca. € 29,90 (D) Preis inkl. MwSt zzgl. Versandkosten
lieferbar ab 06/2013
Einband: broschiert
ISBN: 978-3-8353-1213-5
Bestellungen über den Wallstein-Verlag Göttingen
www.wallstein-verlag.de/9783835312135-freilegungen.html