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Liebe nach der Befreiung

Sie lebt in Deutschland, er in Israel: Tochter und Sohn eines Shoah-Überlebenden haben durch den ITS voneinander erfahren

Der 8. Mai 1945 symbolisiert die Befreiung Europas von NS-Terror und Krieg. Viele Überlebende aus Lagern und Zwangsarbeit mussten jedoch noch Jahre in Deutschland bleiben, ehe sie auswandern konnten. Wie weit die Folgen dieser unmittelbaren Nachkriegsjahre in die heutige Zeit reichen, zeigt die deutsch-israelische Geschichte der Halbgeschwister Ursula und Eli: Auf der Suche nach ihrem Vater, einem jüdischen Überlebenden, hatte sich Ursula an den International Tracing Sevice (ITS) gewandt – und erfahren, dass sie einen Bruder hat, der in Israel lebt.

Der 1920 in Rumänien geborene Nathan hatte gemeinsam mit seinen zwei Schwestern und seiner Mutter die Shoah überlebt. 1947 kamen sie in ein amerikanisches Camp für sogenannte Displaced Persons (DPs) in der Heidenheimer Voith-Siedlung. Dort verliebten sich Nathan und Ruth, eine nichtjüdische Deutsche. Sie führten eine heimliche Beziehung und bekamen 1948 ihren Sohn Gerhard und im Frühjahr 1949 eine Tochter – Ursula. Doch im September 1948, noch vor ihrer Geburt, emigrierte Nathan nach Israel. Der Kontakt nach Deutschland brach ab.

Ruth blieb mit ihren beiden Kindern in Baden-Württemberg. Über den Vater sprach sie fast nie. „Er war ihre große Liebe“, berichtet Ursula. „Das war das Einzige, was meine Mutter uns verraten hat. Über alle anderen Umstände hat sie ein Leben lang geschwiegen.“ Nach dem Tod der Mutter begann Ursula nach ihrem Vater zu suchen und wandte sich 2014 an den ITS. Ihr Bruder Gerhard war inzwischen verstorben. In der Geburtsurkunde von Ursula war der Name des Vaters als Unlinczki angegeben. Die üblichere rumänische Schreibweise ist jedoch Ulinski. Der ITS suchte mit diesem korrigierten Namen und informierte eine Mitarbeiterin der israelischen Hilfsorganisation Magen David Adom (MDA), die herausfand: Nathan Ulinski ist im Jahr 1986 gestorben. Doch konnte sie dem ITS die Kontaktdaten von Eli übermitteln, seinem 1956 in Israel geborenen Sohn.

Im September 2015 erhielt Ursula Elis Adresse und Telefonnummer vom ITS und rief ihren Halbbruder in Israel an. „Das war so ein Moment, den man nie vergisst.“ Inzwischen sprechen die Geschwister wöchentlich per Videoanruf miteinander, häufig sind auch ihre Kinder dabei. Im Juni 2016 werden sich die beiden zum ersten Mal treffen – in Heidenheim, dem Ort der Liebe der Eltern. „Meinen Bruder Eli kennenzulernen, ist ein ganz großes Geschenk, mit dem ich nie gerechnet hätte.“ Beide können nicht fassen, dass sowohl Ruth und Nathan, als auch ihre Familien nie von der Zeit in Heidenheim erzählt haben. Auch Eli weiß fast nichts über das Leben seines Vaters vor der Emigration: „Mein Vater war ein sehr herzlicher, aber schwerkranker Mann. Er hat nicht über die Vergangenheit sprechen wollen.“

Der International Tracing Service (ITS) bewahrt die weltweit umfangreichste Dokumentensammlung über die befreiten Überlebenden in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dieser einzigartige Archivbestand beinhaltet Dokumente der Alliierten und teils persönliche Berichte. Die Dokumente geben Einblicke in das Leben und die Wünsche jener, die nach der Befreiung in den DP-Camps lebten und eine Zukunftsperspektive brauchten – darunter viele Kinder und Jugendliche. Eine Konferenz des ITS und des Max Mannheimer Studienzentrum Dachau widmet sich Anfang Juni 2016 diesem noch wenig erforschten Thema.