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Mutter und Tochter finden sich nach 71 Jahren

Die italienische Mutter hält ein Fotobuch mit Bildern der deutschen Tochter in ihren Händen.

Sieben Jahrzehnte nachdem sie von den NS-Behörden auseinandergerissen wurden, haben sich eine italienische Mutter und ihre deutsche Tochter wiedergefunden. Margot Bachmann, die 1944 in Deutschland geborene Tochter, wollte Gewissheit über ihre Herkunft und begann nach Spuren ihrer Mutter zu suchen. Ihre Suche führte sie zum International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen. Mitarbeiterinnen des ITS fanden im Juli 2015 heraus: Gianna, die Mutter von Margot Bachmann und ehemalige Zwangsarbeiterin in Nazi-Deutschland ist 91 Jahre alt und lebt in Novellara, einer Kleinstadt im Norden Italiens. Nach über 70 Jahren, trafen sich Mutter und Tochter vergangenes Wochenende zum ersten Mal seit der Trennung. Die Begegnung in Novellara wurde von Mitarbeitern des ITS und des Roten Kreuzes Italien begleitet.

„Ich wollte wissen wer meine Mutter war, ob wir uns ähnlich sind, möglicherweise Fotos und Auskünfte über sie finden“, berichtet Margot Bachmann. „Nie hätte ich zu hoffen gewagt, sie jemals in die Arme schließen zu dürfen. Jetzt bin ich überglücklich, dass es ihr gut geht und wir uns kennenlernen können.“ Ihre 1924 geborene Mutter war als Arbeiterin vom nationalsozialistischen Deutschland angeworben worden. Sie wurde in einem Betrieb für militärische Nachrichtentechnik des NS-Regimes eingesetzt und zum Leben in einem Arbeitslager gezwungen.

Verliebt in einen deutschen Soldaten wurde sie von ihm schwanger und brachte im Oktober 1944 ihre Tochter Margot zur Welt. Bereits im November 1944 entzog das NS-Wohlfahrts- und Jugendamt der 20-jährigen Mutter als Zwangsarbeiterin die Vormundschaft; Margot kam in ein Kinderheim. Nach der Befreiung 1945 kehrte die Mutter nach Italien zurück und lebte in der Annahme, ihre Tochter und der Vater seien am Ende des Krieges gestorben.

Sie wusste nicht, dass der Vater ihres Kindes bereits verheiratet war. Seine Familie holte Margot aus dem Heim. In dieser Familie wuchs sie mit sieben jüngeren Halbgeschwistern auf. Fragen nach der leiblichen Mutter waren streng verboten – Margot wusste lediglich, dass die leibliche Mutter Italienerin war; sie sollte glauben, diese sei gestorben. „Schon als Kind hatte ich das Gefühl, dass etwas daran nicht stimmte.“ Einige Zeit nach dem Tod des strengen Vaters fasste Margot Bachmann den Mut, nach der Mutter zu suchen. Ihre Töchter halfen ihr und fanden die Taufurkunde mit dem Namen der Mutter. Mit dem Namen fragten sie beim Deutschen Roten Kreuz an, das sie an den ITS weiterleitete. Mitarbeiterinnen des ITS fanden Hinweise in den ITS-Archiven, die es ermöglichten, die Mutter in Novellara zu finden. Schnell entschlossen planten Frau Bachmann und ihre Familie einen ersten Besuch. In Novellara lernten sie die Mutter und zahlreiche weitere Verwandte kennen. Sie planen bereits das nächste gemeinsame Treffen.

„Was wir am Wochenende in Novellara erlebt haben, grenzt an ein Wunder“, berichtet Friederike Scharlau, Mitarbeiterin des ITS, die das erste Familientreffen begleitet hat. „Heutzutage ist es außerordentlich selten, dass sich Eltern und Kinder wiederfinden, die durch das NS-Regime getrennt wurden. Denn viele der NS-Überlebenden sind inzwischen verstorben. Meist sind es Geschwister der nachfolgenden Generation oder Cousins und Cousinen, die wir zusammenbringen können.“