a A

Neues Unterrichtsmaterial zu Kindern und Jugendlichen als Opfer der NS-Verfolgung

Der Internationale Suchdienst (ITS/International Tracing Service) in Bad Arolsen hat gestern neue Unterrichtsmaterialien zu Kindern und Jugendlichen als Verfolgte des Nationalsozialismus vorgestellt. Die Materialien unter dem Titel „Ich bin alleine zwischen fremden Menschen“ enthalten Biografien verschiedener Opfergruppen, darunter jüdische, Sinti-, Zwangsarbeiter- und eingedeutschte „Lebensborn“-Kinder. „Wir möchten mit den Einzelschicksalen Gleichaltrige und multi-ethnische Lerngruppen ansprechen, ihre Empathie wie auch ihr Interesse an dem Thema wecken“, sagte Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung und Bildung beim ITS. „Dabei geht es uns nicht allein um Fakten, sondern individuelle Geschichten. Jugendliche benötigen Anknüpfungspunkte, die ihnen die Erfahrungen der Verfolgten vermitteln.“

Die mehr als 30 Millionen Dokumente in den Beständen des ITS seien für die Pädagogik einzigartige Quellen, betonte Urban. Grundlage der jetzt vorgestellten Unterrichtsmaterialien bilden insbesondere Dokumente des Kindersuchdienstes, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Angehörigen von überlebenden Kindern und Jugendlichen gesucht hatte. Die Materialien sind in vier Abschnitte unterteilt, die ergänzt werden durch eine Einführung und Anhänge mit einer Zeitleiste, einer Dokumentensammlung, einem Glossar sowie Literatur-, Web- und Filmtipps. Zugleich gibt es eine Reflexion zum Umgang mit dem Thema heute im Hinblick auf Menschenrechte und Entschädigungsfragen. „Die Bandbreite des Materials zeigt den Irrsinn der Rassenideologie zwischen Fürsorge im ‚Lebensborn‘ und Vernichtung von Leben in Konzentrationslagern und durch Zwangsarbeit“, so Urban. „Angesichts der vielen verstörenden historischen Elemente haben wir aber auch ermutigende Aspekte zu Helfern oder den Neuanfang der Überlebenden mit einbezogen. Hier sehen wir Ansatzpunkte für eine Erziehung zur Zivilcourage und Übernahme gesellschaftspolitischer Verantwortung.“

Verwendet wurden auch noch unveröffentlichte Berichte der Überlebenden, die es nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in viele verschiedene Länder verschlagen hat. Darunter befindet sich das Tagebuch von David Liss, der 1939 als 16-Jähriger mit einem Kindertransport gen Nordirland gerettet werden konnte. „Bewegend und eindrucksvoll, gerade durch die nüchterne Sprache, zeugt sein Tagebuch vom Alltag und von der inneren Zerrissenheit eines jungen Heranwachsenden im unfreiwilligen Exil – von der eigenen ungewissen Zukunft, von den Sorgen um die Eltern im Warschauer Ghetto und schließlich auch der Suche nach einer eigenen Identität“, sagte Dr. Markus Roth, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen. „Ich freue mich, dass der ITS dieses Dokument für die Bildungsarbeit nutzt und der Öffentlichkeit zugänglich macht.“

Geeignet ist das Unterrichtsmaterial für Jugendliche im Alter von zwölf bis 18 Jahren. Es kann im Rahmen des normalen Unterrichts, aber auch als mehrtägige Projektarbeit eingesetzt werden. Der ITS stellt die Materialien Schulen und Bildungseinrichtungen gegen eine Schutzgebühr von 10 Euro auf CD-Rom zur Verfügung. Eine Bestellung ist möglich auf der Website des ITS.