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Uni Kassel und ITS: Unterrichtsmaterial zu überlebenden NS-Kinderopfern entwickelt

Unterrichtsmaterialien zu Biografien von jugendlichen Opfern und Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung haben der Internationale Suchdienst (ITS/International Tracing Service) in Bad Arolsen und Erziehungswissenschaftler der Universität Kassel heute vorgestellt. Die Unterrichtsmaterialien wurden in einem gemeinsamen Lehrforschungsprojekt mit Studierenden der Universität Kassel entwickelt. Grundlage des Projektes „Ich wusste nicht, wer meine Eltern waren“ bildeten Dokumente des Kindersuchdienstes im Archiv des ITS. „Wir möchten Geschichte und Geschichten anhand von Einzelschicksalen vermitteln. Kinderschicksale eignen sich besonders gut für Lerngruppen in einem vergleichbaren Alter und aus multi-ethnischen Zusammenhängen“, sagte Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung beim ITS.

Dr. Andreas Neuwöhner, der bis zum Ende dieses Wintersemesters Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Erziehungswissenschaft, Fachbereich Humanwissenschaft der Universität Kassel war, hat das Modell des Stationenlernens für die Unterrichtsmaterialien gewählt. Er möchte so Schüler motivieren, die Lebensgeschichten dieser Kinder und Jugendlichenselbst zu erforschen und sich aus biografischer Perspektive mit der NS-Verfolgung auseinander zu setzen. „Die Schülerinnen und Schüler sollen erfahren, dass Ideologie und Verfolgung keine abstrakten Größen der Geschichte sind, sondern sich auf biografischer Ebene als leidvolle Erfahrung realisieren“, erläutert Neuwöhner. Gemeinsam mit den Studierenden Franziska Bömeke, Elina Entes, Jens Hecker, Kristin Hunger und Carsten Hennig wurde das Stationenlernen so konzipiert, dass die Lerner weitgehend selbständig arbeiten können: Zu ausgewählten Personen wurden biographische Skizzen verfasst. Ergänzt durch historische Dokumente und einen didaktisch-methodischen Kommentar entstanden Materialien, die für den fächerübergreifenden Unterricht in der Sekundarstufe I geeignet sind.

Ein Beispiel ist Salek Benedikt: Als polnischer Jude in Lodz geboren, kommt er ins KZ Auschwitz. Salek ist einer von vielen tausend Kindern und Jugendlichen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Suche nach einer neuen Heimat waren. Er ist 15 Jahre alt, als der Kindersuchdienst 1945 für ihn nach überlebenden Verwandte sucht, da seine Eltern und Geschwister ermordet wurden. Bei der Suche nach Verwandten ist der Kindersuchdienst auf eine Nichte gestoßen, die die Shoa überlebt hat und nach Palästina ausgewandert ist. Salek verlässt am 31. Oktober 1945 Deutschland mit dem Ziel London. Dort wird er englischer Staatsbürger. Die Unterrichtseinheit zu Salek Benedikt greift sein Leben auf.

Professor Dr. Edith Glaser, Dekanin des Fachbereichs Humanwissenschaften und Leiterin des Fachgebiets Historische Bildungsforschung im Institut für Erziehungswissenschaft unterstrich die Bedeutung von Lehrforschungs-Projekten: „Es zeigt sich, dass über dieses Format auch in der modularisierten Lehramtsausbildung Raum und Zeit bleibt, forschend und ergebnisorientiert mit Studierenden zu arbeiten.“

Die Unterrichtsmaterialien setzen sich aus acht Stationen von jeweils etwa einer Unterrichtsstunde zusammen. Thematisch befassen sie sich mit dem Holocaust, der Zwangsarbeit, der Rassenideologie der Nationalsozialisten, den Displaced Persons sowie der 1943 gegründeten internationalen Hilfsorganisation UNRRA. „Dabei sollen von den Schülern auch Fragen nach Identitäten, Handlungsoptionen, Zwangsmigrationen und nach der Hilfe für die Überlebenden diskutiert werden“, erläuterte Urban. „Hier sehen wir Anknüpfungspunkte für eine positive Identifizierung, die Ermutigung zur Zivilcourage und die Übernahme gesellschaftspolitischer Verantwortung.“

Der ITS wolle insbesondere die noch wenig bekannten Unterlagen aus der Nachkriegszeit in der pädagogischen Arbeit einsetzen, erklärte Urban. Dazu zählen die Dokumente des Kindersuchdienstes, die die Betreuung überlebender Kinder sowie die Suche nach Familienangehörigen und Adoptivfamilien schildern. Der Kindersuchdienst war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als eine Abteilung des ITS gegründet worden und hatte bis 1950 gewirkt. „Wir hoffen, dass die Schüler die Erinnerung an die Opfer der Verfolgung weitergeben werden, auch wenn sie selbst nicht mehr mit Zeitzeugen sprechen können“, so Urban.

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