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Wege, Orte und Räume der NS-Verfolgung

Die räumliche Dimension des Holocaust und anderer NS-Massenverbrechen steht im Fokus des neuen Jahrbuchs des International Tracing Service (ITS), das im November 2016 erschienen ist.

Welche Erkenntnisgewinne ergeben Rekonstruktionen von Verfolgungswegen oder Rekonstruktionen von Räumen des Terrors? Antworten darauf bietet der fünfte Band der ITS-Jahrbücher unter dem Titel „Freilegungen – Wege, Orte und Räume der NS-Verfolgung“. Im Hauptteil der wissenschaftlichen Publikation zeigen neun Aufsätze und Fallstudien, welchen Nutzen geografische Recherchen im ITS-Archiv für die Forschung zur Geschichte und Nachgeschichte der NS-Verbrechen haben können. Aufgrund der Arbeit als Such- und Dokumentationsstelle ist der ITS vor allem für sein Potenzial bei biografischen Recherchen bekannt. Nachdem der ITS 2015 in seinem Online-Archiv die Todesmärsche mit georeferenzierten Dokumenten auf einer Karte veranschaulicht hat, folgt nun in dem neuen Jahrbuch ein Überblick über weitere mögliche Zugänge.

Ein neuer Aspekt ist dabei die Auswertung von Datenbeständen des digitalen ITS-Archivs, um historische Ereignisse oder Strukturen mit digitalen Darstellungsmöglichkeiten zu visualisieren. Ein Beispiel dafür gibt die Fallstudie von Henning Borggräfe, kommissarischer Leiter der Abteilung Forschung und Bildung beim ITS und Herausgeber des aktuellen Jahrbuchs. Er betrachtet anhand von Opfern der Aktion »Arbeitsscheu Reich« nicht einzelne Konzentrationslager, sondern die Wege, so dass die Verfolgung als ortsübergreifende dynamische Geschichte dargestellt wird. Mit Massendaten aus dem digitalen ITS-Archiv wird das Projekt „People on the Move“ arbeiten, das anhand von Lebenslaufdaten die Migrations- und Mobilitätsmuster von Menschen während und nach der Zeit des Nationalsozialismus aufzeigen möchte. Welche Erkenntnisse aus einem solchen Projekt zu erwarten sind, skizzieren Sebastian Bondzio, Christoph Rass und Ismee Tames in ihrem Beitrag.

Das Jahrbuch bietet außerdem Aufsätze, bei denen Orts- und Raumbezüge im Mittelpunkt stehen, zum Beispiel von Roman Herzog über das Lagersystem im faschistischen Italien sowie von Paul Sanders über Besetzung, Widerstand und Verfolgung auf den britischen Kanalinseln. Die Zeit um 1945 und danach beleuchtet der Beitrag von Beata Halicka über polnische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die nach ihrer Befreiung zu den ersten Siedlern in den eroberten Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie wurden.

Wie heute die Antworten des ITS an Kinder, Enkel und Urenkel von NS-Verfolgten aussehen, welche Schwerpunkte der ITS aktuell in seiner Bildungsarbeit setzt und Projekte von ITS-Partnern stehen im Zentrum des zweiten Teils des Jahrbuchs, der unter der Überschrift „Erkenntnisse“ zusammengefasst ist.

Das Jahrbuch „Freilegungen – Wege, Orte und Räume der NS-Verfolgung“ ist im Wallstein Verlag Göttingen erschienen. Mit der 2012 begonnenen Reihe will der ITS auf Potenziale der Archivbestände für unterschiedliche Ansätze in Forschung und Bildung aufmerksam machen.

Freilegungen: Wege, Orte und Räume der NS-Verfolgung, Bandnummer: 5
Herausgegeben von Henning Borggräfe
263 Seiten mit 32 Abbildungen, 29,90 Euro (D) Preis inkl. MwSt zzgl. Versandkosten
ISBN: 978-3-8353-1925-7 (2016)
Bestellungen über den Wallstein-Verlag Göttingen
auch als E-Book erhältlich

Das ITS Jahrbuch enthält acht Beiträge in deutscher und sechs Beiträge in englischer Sprache.