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„Wohin sollten wir nach der Befreiung?“

Joanie Schirm, Kind von DPs; Dr. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank; Dr. Susanne Urban, Leiterin Forschung und Bildung beim International Tracing Service (ITS); Pava Raibstein, Kind von DPs; Martin Bock, Programmleiter der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" EVZ

Bis heute wissen nur wenige Deutsche darüber Bescheid, wie NS-Verfolgte, Zwangsarbeiter und ehemalige KZ-Häftlinge nach 1945 in Transitlagern weiterlebten. Erstmals gibt es mit der Ausstellung „Wohin sollten wir nach der Befreiung?“, die der International Tracing Service (ITS) in Frankfurt am Main zeigt, ein detailreiches und gebündeltes Porträt dieser Zeit. Aktualität bekommt die Ausstellung auch deshalb, weil jetzt so viele Menschen auf der Flucht oder entwurzelt sind wie nach 1945.

Vor 70 Jahren, am 18. November 1944, legten die Alliierten in einem Grundsatzpapier fest, wie mit den Überlebenden des NS-Terrors umgegangen werden sollte. Wie sie versorgt und in ihre Heimatländer zurückgeführt werden könnten. Sie prägten für diese Menschen den Begriff „Displaced Persons“ (DPs) und ahnten noch nicht, wie viele DPs sie in Zentraleuropa vorfinden sollten. Und wie lange deren Versorgung, die Suche nach Angehörigen, die Repatriierung und Emigration sie beschäftigen würde. Diesem Thema widmet sich die Ausstellung »„Wohin sollten wir nach der Befreiung?“ Zwischenstationen: Displaced Persons nach 1945«, die der ITS in der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main zeigt, gefördert aus Mitteln der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ).

Parallelwelt zum Wiederaufbau

Dargestellt werden die vielen Facetten des Lebens in den DP-Camps. Ein Leben, von denen die Deutschen damals nichts wissen wollten und auch heute erschreckend wenig wissen. Dr. Susanne Urban, Leiterin der Forschung und Bildung im ITS und Kuratorin der Ausstellung dazu: „Empathie für die Überlebenden, für deren Verschleppung dieses Land verantwortlich gewesen war, gab es kaum. Die meisten Deutschen befassten sich mit sich selbst, mit den eigenen Nöten – für DPs gab es in der Nachkriegsgesellschaft und -geschichte kaum Platz.“ Doch direkt vor aller Augen, an rund 2.000 Orten in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands, waren DP-Einrichtungen etabliert worden, darunter sehr große Camps für bis zu 3.000 Menschen. Dort fanden Überlebende von NS-Verfolgung, Holocaust und Zwangsarbeit zunächst ein Obdach und die wichtigste Versorgung mit Nahrung sowie dringend notwendige ärztliche Hilfe. Die damals 18-jährige Eva Lux aus der Tschechoslowakei erinnerte sich an den Moment der Befreiung im KZ Salzwedel mit folgenden Worten: „Als ich hörte, dass wir endlich frei waren, hatte ich auch große Angst. Was würden wir da draußen vorfinden? … Wie benahm man sich in einer normalen Welt? … Was sollten wir tun?... Wir brauchten jemanden, der sich um uns kümmerte.“

Dieser Aufgabe stellten sich die Alliierten über viele Jahre, bis 1957 das jüdische DP-Camp Föhrenwald als letztes geschlossen wurde. „Die Versorgung der Überlebenden war lebenswichtig – und relevant dafür waren die bürokratischen Abläufe: Formulare mussten ausgefüllt, Listen geschrieben werden. Nur wer als DP erfasst war, wurde von der UNRRA versorgt. Ich finde es wichtig zu zeigen, dass dies eine ‚gute‘, menschenfreundliche Bürokratie war. Wir bewahren im Archiv des ITS auch das Gegenteil, die tödliche Bürokratie der Nationalsozialisten auf, mit den Listen der Opfer aus den KZs und der Todesmärsche“, weist Dr. Susanne Urban auf die administrative Leistung als einen zentralen Aspekt der DP-Geschichte hin.

Sehnsucht nach Normalität

Die Menschen in den DP-Camps standen vor den Trümmern ihres früheren Lebens, doch viele zeigten einen beeindruckenden Lebenswillen und auch den Mut, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Kinder konnten in Kindergärten und Schulen gehen, es gab Ausbildungsmöglichkeiten, sogar Universitäten. DPs gründeten Selbstverwaltungen, Parteien, Theater, Orchester und sogar Kabaretts, die das Leben in den KZs auch auf diese Art zu bewältigen suchten. Die Ausstellung zeigt Bilder von verschiedenen Sportclubs, eigenen Lagerzeitungen und kulturellen Highlights, wie zum Beispiel vom Besuch des Komponisten Leonard Bernsteins, der wie einige andere berühmte Musiker - darunter Yehudi Menuhin und Benjamin Britton - ihre Anteilnahme und Solidarität durch Konzerte in DP-Camps zeigten. Und was könnte den Wunsch nach einem normalen Leben besser unter Beweis stellen, als die Vielzahl von Hochzeiten und Geburten in DP-Camps: Vor allem in den jüdischen Camps war ein Baby-Boom zu verzeichnen, den zum Beispiel ein historisches Foto aus einer campeigenen Produktion von Kinderwagen dokumentiert. Die Ausstellung gibt auch diesen Kindern eine Stimme und lässt sie von dem DP-Leben der Eltern und der eigenen Suche nach Wurzeln berichten.

Biografien, DP-Geschichte und alliierte Strategien

Die Besonderheit der Ausstellung sieht Susanne Urban in der Vielfältigkeit und Offenheit für die unterschiedlichsten Aspekte der DP-Geschichte. Es sollen keine Lesarten vorgegeben, keine zu einfachen Schlüsse gezogen werden. Denn DP-Geschichte ist nicht frei von Brüchen: Nicht alle Menschen schafften den Schritt in ein zweites Leben. Zudem zeigten sich manches Mal bei alliierten Helfern aus späteren Jahren - ohne die Erfahrung der KZ-Befreiungen - Antisemitismus und Ressentiments gegen Menschen aus Osteuropa. Auch gab es als DPs getarnte Kollaborateure, die sich teilweise erfolgreich der Bestrafung entziehen konnten. Die Ausstellung ergänzt, bündelt und begleitet die aktuelle Forschung, die sich bisher vor allem auf einzelne Camps oder einzelne Gruppen Überlebender konzentriert hat.

Blick in die Geschichte und die Gegenwart

Vor dem Hintergrund, dass heute in Relation erstmals wieder so viele Menschen auf der Flucht oder entwurzelt sind wie direkt nach 1945, bekommt die Ausstellung einen tragischen aktuellen Bezug: „Heute fliehen Jesiden, Christen und andere religiöse Minderheiten vor brutaler islamistischer Gewalt. Juden in Europa haben Angst vor Antisemitismus, und französische Juden emigrieren zum Beispiel deshalb nach Israel. Ich sehe es unbedingt auch als Aufgabe der Ausstellung, dass die Besucher durch den Blick in die Geschichte ihre Aufmerksamkeit auch auf die Gegenwart richten“, unterstreicht Dr. Susanne Urban die Brisanz des Themas. „Besonders, wenn man liest, dass Deutschland aktuell von UNICEF gerügt wurde, weil die Belange der Flüchtlingskinder in Deutschland von Politik, Gesellschaft und Verwaltungen oft nicht beachtet werden.“