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Die Geschichte des ITS als internationale Einrichtung

Bild zeigt: Widmung an der Wand des ITS-Hauptgebäudes von 1952

Widmung an der Wand des ITS-Hauptgebäudes von 1952

Noch während des Zweiten Weltkrieges zeichnete sich ab, dass Nazi-Terror und Krieg zu einer Flüchtlingskrise enormen Ausmaßes in ganz Europa führten. Früh war absehbar, dass unzählige Familien auseinandergerissen waren und Menschen europaweit auf der Suche nacheinander sein würden. Bereits 1942/1943 diskutierten deshalb sowohl die Alliierten als auch nichtmilitärische Organisationen, wie die Britische Rot-Kreuz-Gesellschaft und die Hilfs- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen (UNRRA), über die Notwendigkeit, Vermisste zu suchen.

Als mit Jahresbeginn 1943 die Macht des nationalsozialistischen Deutschlands zu bröckeln begann, wandelten die Alliierten auf Initiative des Hauptquartiers der Alliierten Streitkräfte beim Britischen Roten Kreuz in London die Abteilung für Internationale Angelegenheiten in ein Zentrales Suchbüro um. Unmittelbar nach der Gründung begann das Büro mit der Spurensuche und Registrierung von Verschollenen.

Eine der ersten Bemühungen der Alliierten waren zudem detaillierte Erhebungen über die Situation der Inhaftierten, Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter und Flüchtlinge in Mitteleuropa. Diese Aufgabe koordinierte das Oberste Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte (SHAEF), das ab dem 15. Februar 1944 auch die Arbeit des Zentralen Suchbüros übernahm. Der Standort dieses Büros folgte den Alliierten Truppen, die sich stetig den Reichsgrenzen näherten, und fand im besiegten Deutschland in Frankfurt am Main einen vorübergehenden Sitz. 

  • Die Entwicklung des Suchbüros nach der Befreiung

    Mit der Befreiung und der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands am 8. Mai 1945 begann die Planung der Alliierten, die mehr als 13 Millionen Menschen, die sich infolge der Verfolgung und des Krieges in Europa außerhalb ihrer Herkunftsländer befanden, dorthin zurückzubringen oder die Emigration in eine neue Heimat zu organisieren. Diese Displaced Persons (DPs) wurden zunächst in Sammelzentren untergebracht und versorgt. Von dort aus sollte eine rasche Repatriierung oder Auswanderung erfolgen. Bis zum 30. Juni 1947 verantwortete die UNRRA mit einem Interimsmandat diese Aufgabe.

    Unterdessen ging auch die Suche und Registrierung der Vermissten und Gefundenen weiter. Im Januar 1946 erfolgte die Verlegung des Zentralen Suchbüros in das nordhessische Arolsen.

    Nach Ablauf des UNRRA-Mandats 1947 war zunächst offen, ob und wie die Arbeit des Suchbüros fortgesetzt werden sollte. Nach wie vor waren zahlreiche Menschen auf der Suche – viele Schicksale ungeklärt, viele Eltern, Geschwister und Kinder vermisst. Die Alliierten sahen daher die Notwendigkeit einer zentralen Einrichtung und gewannen die Internationale Flüchtlingsorganisation (IRO) dafür, die Leitung des Zentralen Suchbüros in Arolsen zum 1. Juli 1947 zu übernehmen. 1948 zentralisierte die IRO die bis dahin weit verzweigten lokalen, nationalen und internationalen Suchbemühungen; zum 1. Januar 1948 erhielt das Büro in Arolsen seinen bis heute gültigen Namen „International Tracing Service“ (ITS).

  • Herausforderungen und neue Aufgaben

    Eine der großen Herausforderungen für die Fortführung des ITS bildete der sich verschärfende Konflikt zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion. Eine Neuregelung des ITS gestaltete sich schwierig. Im April 1951 übernahm die Alliierte Hochkommission für Deutschland (HICOG) die Leitung. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich ab, dass sich das Ausstellen von Inhaftierungs- und Aufenthaltsbescheinigungen sowie von Sterbeurkunden für Wohlfahrts- und Entschädigungsprogramme für die Opfer der NS-Verfolgung und deren Angehörige zu einer Hauptaufgabe der Einrichtung entwickelte. Zu diesem Zeitpunkt gab es jedoch noch keine Entscheidung dafür, den ITS als Institution von dauerhaftem Charakter einzurichten. Weiterhin ging man davon aus, die Arbeiten zeitnah beenden zu können. Mit der Aufhebung des Besatzungsstatuts 1955 wurden formal die Weichen für die Zukunft des ITS gestellt: Die Institution sollte unter Leitung einer Institution mit neutralem und unparteiischem Charakter und unter der Aufsicht eines Internationalen Ausschusses weiterarbeiten, die Bundesrepublik die finanzielle Verantwortung tragen. Auf Bitten des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer erklärte sich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf bereit, den ITS zu leiten.

  • Unter Leitung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK)

    Geregelt wurde diese Neuordnung mit den Bonner Verträgen von Juni 1955, die bis 2012 wirksam blieben. Zunächst jedoch war die Internationale Gemeinschaft der Auffassung, dass es sich beim ITS um eine Interimsorganisation handle: Die Bonner Verträge sahen vor, alle fünf Jahre die Aktivitäten und die Beendigung der ITS-Arbeit zu prüfen. 1960 entschieden die Regierungen des Internationalen Ausschusses, die Bonner Verträge ohne Änderung oder Ergänzung zu verlängern, da offenkundig wurde, dass der Zugang zum Archiv für westdeutsche Entschädigungsprogramme weiter notwendig war. In diesem Jahr prognostizierte der Internationale Ausschuss allerdings, dass die Aktivitäten des ITS bis 1968 abgeschlossen sein würden – eine Hochrechnung bei der auch die westdeutschen Prognosen für die Beendigung der Entschädigungszahlungen an die Opfer des Nationalsozialismus einberechnet wurden. Es zeigte sich jedoch, dass die Suche nach Vermissten, die Schicksalsklärung und die Dokumentation der Verfolgung für eine Entschädigung bis zum heutigen Tag notwendige Hauptaufgaben des ITS sind. Es kam und kommt immer wieder zu steigenden Anfragezahlen. Ergänzend zum humanitären Bereich und zum Sammeln von Dokumenten ergaben sich neue Aufgaben: Der ITS stellte beispielsweise Dokumente für laufende Gerichtsverfahren gegen NS-Täter zur Verfügung. Für Öffentlichkeit und Forschung blieben die Archive des ITS allerdings über weite Zeiträume unzugänglich – eine Politik, die immer wieder starke Kritik an der Institution aufkommen ließ.

  • Das Berliner Übereinkommen und der ITS bis heute

    Nach langjährigem Druck aus Öffentlichkeit und Forschung beschloss der Internationale Ausschuss im November 2007, das ITS-Archiv für die Forschung zu öffnen. 2011 unterzeichnete der Ausschuss zwei neue Abkommen zur Zukunft des ITS: das Berliner Übereinkommen und eine Partnerschaftserklärung mit dem Bundesarchiv als neuem institutionellem Partner. Die neuen Verträge traten zum 1. Januar 2013 in Kraft und lösten alle bisherigen Verträge ab. Das IKRK erklärte zum Jahresende 2012 seinen Rücktritt von der Leitung.

    Die Öffnung des Archivs und das neue Übereinkommen setzten einen umfassenden Wandel des ITS in Gang: Umstrukturierungen, die Professionalisierung des Archivs, eine transparentere Anfragenbearbeitung und eine sich etablierende Abteilung für Forschung und Bildung prägen diesen Wandel. Noch immer ist es eine zentrale Aufgabe der Institution, die Schicksale der NS-Verfolgten zu klären und Angehörige zu informieren – immer stärker jedoch treten nun auch die Verantwortung und die Potentiale des ITS für Bildung, Forschung und Gedenken in den Vordergrund.

Warum Bad Arolsen?

In der Zeit vom 3. bis 6. Januar 1946 erfolgte der Umzug des Zentralen Suchbüros aus Frankfurt am Main nach Arolsen.

Die Standortwahl fiel auf Arolsen, da die nordhessische Kleinstadt in der Mitte der vier Besatzungszonen lag und über unzerstörte, größere Gebäude sowie über intakte Telegrafen- und Telefonverbindungen verfügte.

Den ersten Standort des ITS bildete zunächst ein Verwaltungsgebäude (das heutige Rathaus). Von 1949 bis 1952 nutzte der ITS die ehemalige SS-Kaserne des Ortes, da diese für die zahlreichen Dokumente und die Vielzahl der Beschäftigten genügend Raum bot.

Nachdem immer wieder eine Verlegung des ITS in andere Städte im Gespräch war, entschied sich die Leitung zu Beginn der 1950er Jahre endgültig für den Sitz in Arolsen. 1952 ließ das Bundesvermögensamt das bis heute genutzte Hauptgebäude in der Großen Allee errichten.

Derzeit belegt der ITS außer seinem Haupthaus drei weitere Gebäude in Bad Arolsen: das Haus am Park, das Kurhaus und ein Gebäude in der Schlossstraße.

 

  • Artikel über die Errichtung des Hauptgebäudes in Bad Arolsen von 1952

    Artikel über die Errichtung des Hauptgebäudes in Bad Arolsen von 1952